Quer denken, zielstrebig handeln
Von der Banklehre in den Vorstand der Stadtsparkasse Düsseldorf – die Bochumerin Karin-Brigitte Göbel geht konsequent ihren Weg
Von Rüdiger Kurtz
Funkoffizier wollte sie werden, bei der Handelsmarine, Nautik studieren und um die Welt reisen. Hätte sie diesen Weg eingeschlagen, wäre sie heute mit ziemlicher Sicherheit Kapitänin. Aber "hätte" und "wäre" sind nicht die bevorzugten Begriffe der Karin-Brigitte Göbel. "Meine Eltern meinten, ich solle erst einmal eine Banklehre machen", erinnert sich die 52jährige lachend: "Das war ein vernünftiger Vorschlag." So beginnt sie 1977 ihre Karriere mit einer Ausbildung bei der Deutschen Bank in Bochum. Heute ist sie für eine Bilanzsumme von fast 13 Milliarden Euro im Vorstand der Stadtsparkasse Düsseldorf mit verantwortlich. In der fast 200jährigen Unternehmensgeschichte der Stadtsparkasse Düsseldorf wurde sie als erste Frau in den Vorstand berufen.
Während ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau erfährt Karin-Brigitte Göbel von einem Professor, mit dem sie in der Straßenbahn zufällig ins Gespräch kommt, von der Möglichkeit des Abendstudiums an der FH Bochum. Ihr Entschluss ist schnell gefasst: Tagsüber Bankschalter, danach bis in die Abendstunden in den Hörsaal, an den Wochenenden wird gebüffelt. Das sei keine leichte Zeit gewesen, erinnert sie sich: "Aber ich hatte ein klares Ziel vor Augen." Nachdem sie wegen der Doppelbelastung nicht an einer Prüfung teilnehmen kann, wird auf Vollzeitstudium umgestellt. Den Abschluss als Bankkauffrau hat sie da bereits in der Tasche.
Dank eines Stipendiums der Karl-Duisberg-Gesellschaft gelingt Karin-Brigitte Göbel nach dem Grundstudium der gewünschte Schritt hinaus ins Ausland. Das Praxissemester in England verändert ihr Leben: "Neben vielen Freunden lernte ich auch meinen zukünftigen Mann, einen Studenten des Chemieingenieurwesens aus Malaysia kennen." Die Zeit vergeht wie im Fluge und viel zu schnell heißt es Abschied nehmen. Zurück in Deutschland schließt sie das Studium zügig und mit Bestnote ab: "Ich wollte natürlich sofort wieder nach England, schließlich hatte ich meine Freunde dort zurückgelassen." Sie recherchiert, dass die Chase Bank Trainees nach England schickt. Einziger Haken: Man benötigt einen universitären Abschluss. "Ich habe dann bei der deutschen Zentrale in Frankfurt angerufen und unterstrichen, dass ich genauso gut bin wie Absolventen der Uni", erinnert sich die erfolgreiche Managerin. Kurz darauf ruft der Personalchef der Chase Bank bei ihren Eltern an. Das Erstinterview wird in Englisch geführt, kein Problem nach dem Auslandsstudium. Karin-Brigitte Göbel reist als Trainee nach London.
"Wir waren insgesamt knapp 50 junge Leute aus der ganzen Welt, fast alle kamen von Eliteuniversitäten wie Cambridge und Oxford", erzählt die 52jährige: "Ich kam von der FH Bochum." Abholung vom Flughafen durch einem Fahrer in Livree, eine eigene Wohnung mitten in London - Karin-Brigitte in "Wonderland". Als Gegenleistung für die luxuriösen Rahmenbedingungen wird harte Arbeit verlangt, Tests werden regelmäßig durchgeführt. Wer nicht gut genug ist, muss gehen. "In der Zeit habe ich gelernt, im Team zu arbeiten", erläutert Karin-Brigitte Göbel: "Wir haben parallel unterschiedliche Bücher durchgearbeitet und uns dann gegenseitig über die wesentlichen Inhalte informiert. Anders war das Pensum nicht zu schaffen." So manche Nacht verbringen die Trainees im Büro. Zum Glück ist die Nutzung des Kaffeeautomaten gratis.
Nach 9 Monaten hat sie es geschafft. Präzision, Tempo, Mut und lösungsorientiertes Denken im Team - diese Eigenschaften nimmt sie mit in ihr weiteres Berufsleben. Nach ca. sechs Jahren für die Chase Bank erklimmt sie die nächsten Karrierestufen bei der BfG Bank als Bereichsleiterin Vertrieb Firmenkunden und anschließend als Leiterin des Geschäftsbereiches Firmenkunden in der Bankgesellschaft Berlin. Ab 2002 ist sie als Mitglied des Vorstands der TaunusSparkasse, 2009 wechselt sie in den Vorstand der Stadtsparkasse Düsseldorf und ist hier verantwortlich für die Bereiche Firmenkunden, Immobilien und Asset Management.
Im Rheinland fühlt sich die gebürtige Bochumerin privat und beruflich sehr wohl. Gerne trifft sie sich mit Menschen, "die kreativ und auch einmal quer denken". Das sind häufig Unternehmer oder bildende Künstler, es kann aber auch durchaus ein General der Bundeswehr sein. Ein Vortrag über 'Auftragstaktik', in dem vermittelt wurde, wie man nach kurzer Lagebesprechung ein gemeinsames Ziel ohne weitere Kommunikation erreichen kann, ist ihr in guter Erinnerung geblieben. Leider fehlt für so etwas häufig die Zeit, der Terminkalender ist stets gut gefüllt, alleine knapp 200 Kundenbesuche standen im letzten Jahr zu Buche. "Die Sparkasse tritt außerdem sehr oft als Sponsor auf", erzählt die vielbeschäftigte Managerin. Opern- und Theaterbesuche sowie die Teilnahme an Sport- und Freizeitveranstaltungen sind daher kaum einmal privater Natur: "Ich führe das Leben eines 'Öffentlichen Menschen'." Gemütliche Abende mit ihrem Mann in den eigenen vier Wänden, sind die große Ausnahme. "Unser Kühlschrank ist faktisch leer", verrät die sympathische Wahl-Düsseldorferin und klingt dabei nicht so, als habe sie es scherzhaft gemeint. Als Ausgleich zur Arbeit treibt sie Sport und liest so oft wie möglich. Darüber hinaus gibt ihr das ehrenamtliche Engagement in diversen Projekten Kraft, etwa die Unterstützung eines Kinderheims in Indien.
Ihrer ehemaligen Alma Mater, die inzwischen Hochschule Bochum heißt, ist sie verbunden geblieben. Den Studierenden rät sie, sich auch nach dem Studium konsequent weiterzubilden, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen und Spaß an der Arbeit zu haben. Dem weiblichen Wirtschaftsnachwuchs empfiehlt sie zudem, mutig zu sein. "Man muss ab und zu auch einmal Wagnisse eingehen, selbst wenn ein Risiko besteht zu scheitern." Für eine Frauenquote ist sie nur bedingt. "Bei der Personalwahl sollte die Fachlichkeit und nicht die Quote entscheidend sein." Allerdings sei die Unterstützung bei der Kinderbetreuung in Deutschland häufig noch mangelhaft, so dass einige Frauen ihre Karriere an einem bestimmten Punkt nicht weiter verfolgen könnten. Und wo wäre sie heute, wenn sie selber Kinder bekommen hätte? Karin-Brigitte Göbel lächelt und zuckt mit den Schultern: "Ich habe keine Kinder bekommen und heute sitze ich hier." "Hätte" und "wäre" sind einfach nicht ihr Ding.

