Klaus Steilmann: Quo vadis, Ökonom?
Die Hochschule Bochum trauert um ihren Freund und Förderer Prof. h.c. Dr. h.c. Klaus Steilmann, der am 14. November 2009 verstorben ist.
Um seine Art zu Denken und zu Handeln im Gedächtnis zu behalten, erinnert die Hochschule hier an eine Festrede, die er am 12. Mai 2000 vor Absolventinnen und Absolventen des Fachbereichs Wirtschaft gehalten hat:
Liebe Diplomandinnen und Diplomanden!
Als der aus dem alten Rom geflüchtete Petrus den ihm erscheinenden Christus die berühmte Frage stellte: "Herr, wohin gehst du?" ahnte er sicher nicht, dass seine Worte Jahrtausende überdauern würden. Er konnte natürlich auch nicht wissen, dass ich heute mit dieser berühmten Frage Ihre Diplomfeier eröffnen werde.
In Ihrer Situation zielt "quo vadis" in zwei Richtungen: Zum einen - wohin wird Ihr Berufsweg führen? Zum zweiten, wie wird das enden, was Sie im Beruf anpacken?
Ich bin auf jeden Fall optimistisch, dass Ihr Weg als Absolventen dieser Fachhochschule nicht im Konkurs oder unter der Brücke enden wird. Ich denke, es ist nicht nur von Bedeutung, wohin Sie gehen, sondern dass Sie bewusst den Weg gehen, den Sie sich ausgesucht haben. Ein berühmter Denker sagte einmal: "Schimpflich ist es, nicht zu gehen, sondern sich treiben zu lassen und mitten im Wirbel der Dinge verblüfft zu fragen: 'Wie bin ich bloß hierher gekommen?'"
Diplomandenwissen
Als Unternehmer habe ich ganze Heerscharen von Absolventen an mir vorbeiziehen sehen. Ich darf zunächst feststellen, dass ich froh bin, so viel unbändiges Diplomandenwissen ohne allzu viel Schaden überlebt zu haben. Mir hat stets imponiert, welche Weitsicht manche Diplomanden aus der Uni oder Hochschule mitgebracht haben. Sie geht so weit, dass die kleinen Aufgaben und Probleme der Praxis oft übersehen werden, ganz nach dem Motto: Wer die Weitsicht an der Uni gewonnen hat, kann auf die Übersicht in der Praxis verzichten. Ich will als ernst gemeintes Kompliment an Ihre Hochschullehrer bemerken, dass diese Lücke bei Fachhochschulabsolventen geringer ist. Ihnen gelingt es nach meinen empirischen Befunden schneller, Ein- und Übersicht in praktische Erfordernisse zu gewinnen.
Manche Diplomanden bemühen sich dagegen erst gar nicht, in Zusammenhängen zu denken und Übersicht über das enge Fachwissen hinaus zu gewinnen. Sie meinen, es sei besser, im Schubkastendenken zu verharren. Ich plädiere statt dessen für vernetztes Denken und Handeln. Ich bin auch dafür, selbst möglichst viel Arbeit anzupacken. Manche frisch gebackenen Diplomanden meinen jedoch, sofort nur noch delegieren zu müssen.
Wer mit einer solchen Arbeitseinstellung anfängt, hat gute Chancen, ins Topmanagement aufzusteigen - allerdings nicht in unserem Unternehmen!
Richtig delegieren
Ironisch kann ich feststellen: Wer es frühzeitig versteht, richtig zu delegieren, vor allem das Unangenehme, braucht sich um seinen Weg in Großunternehmen oder Bürokratien nicht zu sorgen. Er wird auch bald bemerken, dass mit zunehmender Ranghöhe im klassischen Management die Entscheidungsfreude überproportional abnimmt. Das entbindet davon, sich als Manager für eventuelle Fehlentscheidungen verantworten zu müssen.
Der zweite Teil der Frage "Quo Vadis" bringt damit weniger Verdruss - wer nichts entscheiden muss, kann nichts falsch machen. Ich rate auf jeden Fall: "Es ist besser, einen Fehler zu begehen, als einem Laster zu verfallen".
Als ein solches Laster empfinde ich vor allem das Abschieben von Verantwortung, mangelnden Mut zu Neuem und fehlende Ehrlichkeit. Ich staune über viele, die so tun, als wüssten sie alles. Wenn ich etwas nicht weiß, gebe ich es auch ehrlich zu und scheue mich nicht, zu fragen - schließlich ist keiner vollkommen. Keine Fehler macht nur der, der gar nichts tut.
Mut zur Selbständigkeit
Allerdings sollte man versuchen, aus seinen Fehlern zu lernen. Ein chinesisches Sprichwort warnt: "Wer klug ist, strauchelt nicht am selben Ort ein zweites Mal." Natürlich würde ich mich besonders darüber freuen, wenn möglichst viele der hier anwesenden Absolventen den Mut zur Selbstständigkeit hätten, denn ich halte den Aufbau eines eigenen Unternehmens noch immer für den Königsweg eines Ökonomen.
Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, sich selbstständig zu machen, sollten Sie sich selber folgende Fragen beantworten:
- Wollen Sie 16 Stunden arbeiten? Da winken die meisten ab, aber einige nicken auch schon mal, wenn die Kohle stimmt!
- Kennen Sie das Geschäft, den Markt, die Technik wirklich oder nur aus Büchern? Die Chancenreicheren kennen die Gepflogenheiten einer Branche von innen, die Besserwisser nur vom Hörensagen.
- Können Sie sich als Einzelkämpfer durchsetzen? Zu viele beginnen in Teams oder mit Stabskräften, ohne Biss, es auch allein zu schaffen.
- Haben Sie eine treffende Geschäftsidee? Viele halten Einfälle für Ideen und haben keine einfachen Ziele, geschweige Vorstellungen, auch hinzukommen.
- Können Sie ein- und verkaufen? Viele bilden sich das ein. Aber sie haben keine Ahnung, wie schwer es ist, wirklich zum Kaufabschluss und an das Geld eines Kunden zu gelangen oder einen Bonus rauszuschinden.
- Können Sie andere begeistern und führen? Andere tatsächlich zu Leistungen zu führen, ist eine vielfach unterschätzte Kunst.
- Können Sie auch hart sein? Weicheier taugen nicht zu Unternehmern. Könnten Sie Ihren Freund feuern, wenn er nicht richtig mitzieht?
Solche Fragen ließen sich vielfältig fortsetzen.
Unternehmerpersönlichkeiten
Für mich stehen als Persönlichkeitsvoraussetzungen für erfolgreiche Unternehmer und in diesem Sinne Ökonomen folgende Merkmale im Vordergrund:
- Zielstrebigkeit, Willenskraft, Entschlossenheit
- Durchsetzungsvermögen und Kommunikationsverhalten
- Belastbarkeit und Stressstabilität sowie Gesundheit
- Ausdauer und Flexibilität
- Leistungsmotivation und Begeisterungsfähigkeit
- Risikobereitschaft und der Wille zur Überwindung von Misserfolgen
- Kooperationsfähigkeit und positives Kontaktverhalten
Magyar hat in seinem Buch "Managerweisheiten und -bosheiten" folgende Charakteristik für Gründerpioniere gegeben: Gründerpioniere sind meistens unternehmerische Naturtalente, nicht Manager. Die Führung und Kontrolle des Betriebsgeschehens sind für sie zweitrangig. Gründerpioniere sind Patriarchen mit großem Improvisationstalent; ihre Geschäftspolitik ist ihr Improvisationsvermögen. Der Gründerpionier ist "Herr und Meister" in seinem Unternehmen; er muss nicht Koalitionen und Freiräume schaffen. Die Gründerpioniere haben nicht nur Ideen. Sie verwirklichen auch. Sie setzen ihre Visionen in Taten um, auch gegen Widerstände. Für sogenannte demokratische, kollektive Entscheidungen haben sie nicht viel übrig. Der Gründerpionier hält sich nicht an den Dienstweg. Die systematische Planung kennt er nicht. Er ist ein Mensch der Aktionen und schnellen Reaktionen. Zögern und Umschweife behagen ihm nicht. Wenn Sie einige dieser Eigenschaften bei sich bemerken, sollten sie nicht länger zögern, sondern einen Weg als Jungunternehmer einschlagen.
Als Unternehmer, der sich immer auch für die Vernetzung von Ökonomie, Ökologie, Sozialem und Kultur eingesetzt hat, möchte ich Ihnen heute natürlich auch zu diesem Thema etwas mit auf den Weg geben. Ohne diese Vernetzung könnte auch der Weg des Ökonomen plötzlich schneller zu Ende sein, als wir alle uns vorstellen.
Wenn Sie nach den ersten Arbeitsmonaten endlich dem Ruhrgebietsstress in Richtung Hawaii, Malediven oder den Bahamas entkommen wollen, denken Sie daran, dass auch dort den Zivilisationsflüchtling verschmutzte Luft und vergiftetes Wasser einholen, wenn wir nicht umdenken. Michail Sergejewitsch Gorbatschow hat bei seinem Besuch in unserem Hause in der vorigen Woche betont: "Wer in Umweltschutzsachen zu spät kommt, der verspielt sein Leben". Denken Sie daran, dass die Luft zum Atmen kostenlos ist? Denken Sie daran, dass Geld nicht satt macht? Wenn Sie Ihren Weg als Ökonomen beschreiten, schleppen Sie unbemerkt einen riesigen ökologischen Rucksack hinter sich her, dessen Last vielfach erst spätere Generationen zu spüren bekommen. Rechnen Sie auch in MIPS (Material-Input pro Serviceeinheit) nicht nur in Mark und Pfennig!
Verantwortung für die Umwelt
Auch dieses Thema führt zu meiner Eingangsfrage zurück. Würde Jesus heute nach Jerusalem gehen, wäre er entsetzt über die Müllberge und die Zerstörung, die seinen Weg säumen und er würde wohl nicht mit Steinen, sondern mit Plastikschalen von McDonalds beworfen werden. Egal, ob Sie gerade Ihren Hamburger essen oder an einem Hummer nagen, ob Sie in Ihrem alten Käfer über die Straße tuckern oder im Porsche auf der Autobahn rasen - ich hoffe und wünsche, dass Sie bei all Ihrem Handeln die Verantwortung für unsere Erde und spätere Generationen im Auge behalten.
In diesem Sinne beglückwünsche ich alle zum erfolgreichen Diplom. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft weiterhin viel Erfolg, Schaffenskraft und das notwendige Quäntchen Glück sowie für den weiteren Verlauf des Abends viel Vergnügen und weiterhin viel gemeinsames Lachen, denn noch immer gilt, was Sir Peter Ustinov so ausdrückte: "Lachen ist Therapie, es lässt die Luft aus allem Feierlichen und Pompösen."

