10.6.2010: Tücken im Detail
Die Entwicklungsgrundsätze im Solarcar-Projekt sind bekannt: Es darf nichts wiegen, nichts kosten, keinen Platz und dazu noch weniger Energie verbrauchen. Konzept und Design dürfen natürlich trotzdem nicht fehlen.
Nach zehn Jahren sind es noch immer die gleichen Kriterien, die Mechanik, Elektrik, Strategie und Organisation plagen, wenn auch von Jahr zu Jahr auf höherem Niveau:
- Wie geht man sicher, dass Temperatur und Spannung der Batterien in Ordnung sind, ohne diese selbst für Messungen zur Spannungsversorgung zu nutzen?
- Wie hält man eine Bremse davon ab, das zu tun, was die meisten Scheibenbremsen tun, nämlich ein wenig schleifen.
- Wie sollen Lenkung und federnde Halterungen Rad und Wagen schnurgerade auf der Straße halten?!
- Wie soll etwas berechnet werden was in der Zukunft passieren soll, wenn nicht einmal das Regenradar des Hier und Jetzt stimmt?
Knapp wird die Zeit. Nur noch wenige Tage liegen vor dem vermutlich härtesten Scrutineering, das es bei Solarcar-Rennen gibt. Keinen Mucks darf das Fahrwerk von sich geben, wenn das Auto durch eine aufgebaute Acht mit Mindestgeschwindigkeit fahren muss. Und auf das Millivolt genau wird die Notabschaltung der Batterieüberwachung getestet werden. Um zu sehen, wie weit das Team mit den Vorbereitungen für diese wichtigen Tage vorangekommen ist, laden Team bzw. Exkursionsleiter Matthias Wiemers und Julian Stentenbach zum eigenen, team-internen Scrutinieering.
Das neue Bremssystem, Dämpfer und noch stabilere Stelzen sind angebracht und halten allen Belastungen stand. Batterie-Management-System und das Modul mit den digitalen Mess-Shunts vom Sponsorpartner Isabellenhütte sind genau kalibriert und ermöglichen einen sicheren Fahrbetrieb.
Am Nachmittag kommt die Familie des Ranch-Besitzers zu Besuch. Die Ehefrau ist überrascht, wie groß die Ordnung ist, die die Studierenden mit Hilfe von täglichen Aufräum-Teams halten. Zur Feier des Tages gibt es Gutes vom Grill. Das Team begnügte sich häufig mit einem einfachen Frühstück - zu Gunsten von Steak, Kartoffel, Salat und Ofenbaguette mit Kräuterbutter am Abend. Team-Koch Mischa Schleimer ließ auch diesmal keinen Grund zu negativer Kritik aufkommen.
Am Anfang der Woche geht es wieder auf die Straße: Die Umgebung bietet alles von der 4-spurigen Autobahn bis zu schnellen, hügeligen und kurvigen Landstraßen. Jede Fahrsituation ist gutes Training für die Besatzung der Begleitfahrzeuge. Chase und Lead arbeiten an der Koordination. Eine falsche Abbiegung hier, mal eine spät angesagte Geschwindigkeitsbegrenzung. Mal braucht die Trailer-Crew für das Verladen noch zu viel Zeit. Dinge, die trainiert werden wollen. Im Rennen kann es später um jede Minute gehen. Die Strategie "knabbert" noch ein wenig an der Vernetzung mit dem Solarcar, kann sich dann aber doch über gute Leistungswerte freuen, die vom Array kommen.
Doch dann knarzt es noch einmal: Scharfe Kurven nimmt das Solarauto nicht ganz so geschmeidig wie gewollt. Die hinteren schmalen Fairings fordern wieder ihren Tribut. Um dieses Problem zu lösen, wird die Mechanik noch einen Abend bis nach Mitternacht ackern müssen. Die Elektrik stellt ein Problem bei einem Motor fest. Ein Wackelkontakt, ausgerechnet an den sensiblen Hall-Sensoren. Alles wird schnellstmöglich behoben, doch dann funkt wieder einmal das Wetter dazwischen. Wie Matthias Wiemers zu sagen pflegt: "Im Rennen kann man sich das Wetter auch nicht aussuchen!" Doch das Risiko, das die herannahende Regen- und Sturmfront mit sich führt, scheint auch ihm zu groß.
Ein Verladen in großer Hektik und eine längere Zwangspause später geht es endlich weiter. Weitere 60 Meilen quer durch die Region. Menschen, die am Straßenrand beinahe von ihren Fahrrädern fallen und Autofahrer, die einem mit bereits gezücktem Foto-Handy entgegen kommen. Innerhalb von fünf Minuten füllt sich der Parkplatz einer Baptistenkirche, auf dem nur kurz eine paar wenige Änderungen an den Motoreinstellungen gemacht werden sollen. Mehr nicht. Beim Verlassen des Platzes könnte man meinen, man repräsentiere eine Footballmannschaft. Die Menge johlt und feuert das Team an.
Endlich wieder in Anna angekommen, wartet bereits die nächste Überraschung. Konny Reimann, ein Auswanderer, der seit sechs Jahren von RTL mit der Kamera begleitet wird, stattet dem Team einen Besuch ab. Seine Frau war Michael Düde in vielen organisatorischen Dingen behilflich. Mit dem vielen Deutschen bekannten, alten gelben Schulbus der Familie kommen beide auf dem Verladeparkplatz vorgefahren und lassen sich das Auto in aller Ruhe zeigen. Zwei Menschen, denen die angeborene norddeutsche Gelassenheit erhalten blieb. Auch zu ihren Ehren wird noch einmal der Grill angeschmissen. Nach einem doch noch gelungenen Test-Tag gewährt der Teamleiter für den nächsten Morgen eine Stunde mehr Schlaf. Das wird das Team auch brauchen, nach all der Hektik.



