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Vom Industrie-Unternehmen zur Hochschul-Professur

Wolfgang Wiesmann ist neuer Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Bochum

Prof. Wolfgang Wiesmann lehrt seit dem Sommersemester 2020 am Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Bochum. Foto: Rüdiger Kurtz

Von Rüdiger Kurtz
Als Sohn einer Lehrerin und eines Vermessungsingenieurs wurde Wolfgang Wiesmann 1970 in Gronau (Westfalen) geboren. Als er ein Jahr alt war, folgte bereits der Umzug nach Recklinghausen. "Dort bin ich aufgewachsen, dort fühle ich mich stark verwurzelt", sagt der 50-jährige Wirtschaftsdozent, der seit Beginn des Sommersemesters an der Hochschule Bochum unterrichtet.

Nach bestandenem Abitur begann Wolfgang Wiesmann 1989 seine Wehrdienstzeit bei der Bundeswehr, die er als Unteroffizier abschloss. Seinen Werdegang bei der Bundeswehr setzte er als Reservist parallel zum Studium und Beruf fort, bevor er 2004 als Oberleutnant der Reserve aus dem aktiven Dienst ausschied. "Für mich war es – gerade während der Studienzeit - ein guter Zuverdienst", so Wiesmann: "Zudem konnte ich bereits erste Führungserfahrung sammeln."

Nach dem Abschluss des Studiums der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Dortmund 1995 wollte Wiesmann gleich in einem Unternehmen starten. Er nahm eine Anstellung bei der RAG Aktiengesellschaft in Essen als Referent im Beteiligungs-Controlling an. "Dass ich mich für den Einstieg bei der RAG entschieden habe, konnten einige in meinem Umfeld damals nicht verstehen", so Wiesmann. Doch RAG war mehr als ein schrumpfendes Bergbauunternehmen. "Zum RAG-Konzern gehörte auch ein profitabler Beteiligungsbereich in den Sparten Chemie, Energie und Immobilien", erläutert Wiesmann. Außerdem habe ihm von Anfang an die außergewöhnlich gute Atmosphäre und die gegenseitige Wertschätzung im Unternehmen gefallen. "Vielleicht hat dieses kollegiale ‚Miteinander‘ seine Wurzeln tatsächlich in der Bergbautradition", vermutet Wiesmann.

Nach einem Trainee-Programm und ersten Berufserfahrungen im Controlling wechselte er innerhalb des Unternehmens in das Konzernrechnungswesen. Dort nahm er an einem Forschungsprojekt zur wirtschaftlichen Aufbereitung von Brachflächen teil. "In diesem Projekt bekam ich die Möglichkeit, ein Dissertationsthema zu entwickeln und meinen Wunsch nach wissenschaftlicher Arbeit zu verwirklichen", so Wiesmann. 2002 konnte er die Promotion erfolgreich abschließen. "Gerade noch rechtzeitig, bevor die Familienplanung richtig losging", lacht der sportbegeisterte Dozent. 2002 heiratete er seine Frau Anke, mit der er in den folgenden Jahren Sohn Jan und die Töchter Luisa und Jule bekam.

2006 wurde Wiesmann dann zum Leiter Konzern-Bilanzwesen bei der RAG. Im darauffolgenden Jahr ging aus der RAG die Evonik Industries AG hervor. Wolfgang Wiesmann wechselte in den Spezialchemie-Konzern, der heute in über 100 Ländern aktiv ist. Als Leiter verschiedener Bereiche blieb er gut 10 Jahre bei Evonik. Zuletzt war er als Leiter der Global Financial Services für das weltweite operative Rechnungswesen verantwortlich. In diese Zeit fielen mehrere spannende Auslandsaufenthalte. "Die Arbeit in multikulturellen Teams hat mir sehr gut gefallen, insbesondere die Asienkontakte haben mich geprägt", erzählt der bekennende Schalke-Fan. Auf ihn kamen auch anspruchsvolle Zusatzaufgaben zu. So wurde das Rechnungswesen von Evonik in einem Restrukturierungsprojekt unter seiner Leitung ab 2013 zukunftsfähig aufgestellt. Damit einher gingen neue Prozessabläufe sowie Standortgründungen und -verlagerungen. "Das war eine äußerst spannende Phase, die mich schon sehr in Anspruch genommen hat", gesteht Wiesmann. Nach erfolgreichem Projektabschluss war ein Meilenstein erreicht, sich intensiv über die weitere berufliche Zukunft Gedanken zu machen.

Schon längere Zeit habe er die Idee im Hinterkopf gehabt, einen ganz neuen Weg einzuschlagen. "Ich wollte meine umfangreichen Praxiserfahrungen gerne weitergeben", so Wiesmann. Daher habe er sich eine Tätigkeit als Hochschullehrer gut vorstellen können. Als Lehrbeauftragter an der Georg Agricola Hochschule hatte er von 2007-2009 bereits erste Erfahrungen als Dozent sammeln können. "Die Arbeit mit den Studierenden hat mir viel Freude bereitet", erinnert sich Wiesmann. Daher habe er 2017 eine Professur für Accounting an der CBS Cologne Business School in Köln angenommen. Dort habe er schnell gemerkt, dass die Dozententätigkeit auch in Vollzeit "sein Ding" sei.

Als dann 2019 eine Professur an der Hochschule Bochum in seinem Fachgebiet ausgeschrieben wurde, bewarb sich Wiesmann. "Schließlich belegt die Hochschule Bochum bei den Rankings vordere Plätze und gilt als ausgezeichnete Adresse", so Wiesmann. Ein weiterer großer Vorteil sei natürlich die Nähe zu seiner Heimatstadt Recklinghausen. Die Probeveranstaltung sowie die Vorstellungsgespräche liefen gut, es folgte der Ruf nach Bochum und dann der Wechsel Anfang 2020. "Der Austausch mit den Kollegen war vom ersten Tag an sehr angenehm und kollegial", so Wiesmann. Als ‚Kind des Ruhrgebiets‘ habe er sich am Standort Bochum sofort sehr wohl gefühlt.

Dass die Corona-Pandemie gleich in seinem ersten Semester in Bochum zu einem "Online-Semester" ohne Präsenzveranstaltungen geführt habe, findet er schade. Gerade beim erstmaligen Kennenlernen sei der direkte Kontakt besonders wichtig. "Es war allerdings auch eine spannende Erfahrung, wie schnell und gut wir die Umstellung zu Online-Veranstaltungen hinbekommen haben", erzählt der Fachmann für Rechnungswesen und Controlling: "Die Unterstützung im Kollegenkreis bei der Nutzung von E-Learning-Programmen ist vorbildlich, technisch klappt alles erstaunlich gut, und bislang ziehen die Studierenden trotz aller Widrigkeiten engagiert mit." Dennoch hofft er natürlich, dass sich die Lage bis zum Wintersemester entspannt und dann wieder "normaler" Unterricht in den Räumen der Hochschule möglich ist.

Erstmal genießt es Bochums neuer Wirtschaftsprofessor, beruflich wieder in der Heimat angekommen zu sein, spannende neue Eindrücke zu sammeln und mehr gemeinsame Zeit mit seiner Familie in Recklinghausen zu verbringen. "Ich bin wieder da, wo ich hingehöre und das ist ein gutes Gefühl", so Wiesmann.