Wenn Unternehmen zum Tatort werden, beginnt ihre Arbeit. Dorothea Kretschmar hat 2022 an der Hochschule Bochum den Masterstudiengang ‚Accounting, Auditing and Taxation‘ absolviert. Heute arbeitet sie als Wirtschaftsprüfer bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Forvis Mazars. Im Bereich Forensic and Investigation ist sie für börsennotierte Konzerne und Mandanten aus dem Mittelstand tätig. Ihr Fokus: Vorbeugung, Aufdeckung und Aufklärung von Wirtschaftskriminalität. In unserer Alumni-Interview-Reihe blickt Dorothea Kretschmar aufs Studium zurück und berichtet aus ihrem heutigen Berufsleben.
Warum der Studiengang …
Ursprünglich hatte ich nach meinem Bachelorstudium der Betriebswirtschaftslehre in der Region Köln/Bonn den Plan, ein Masterstudium anzuschließen, das Steuerberaterexamen abzulegen und im Bereich Mergers & Acquisitions Unternehmen bei Käufen, Verkäufen und Umstrukturierungen zu begleiten. Also habe ich mich für das Masterstudium ‚Accounting, Auditing and Taxation‘ entschieden. Ich fand es sofort spannend, zumal meine Schwester bereits an der Hochschule Bochum Maschinenbau studiert hat und bis heute eine sehr gute Meinung von der Hochschule vertritt. Eine Meinung, die ich zu hundert Prozent teile. Mein Zukunftsplan hat sich allerdings im Masterstudium verflüchtigt, weil mir die Vorlesungen in Accounting und Auditing, also Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfungswesen, so viel Spaß gemacht haben. Das war sicherlich auch der Einfluss der dortigen Professorinnen und Professoren, die Koryphäen in ihrem Bereich sind. Einige von ihnen sind seit Jahren in der Prüfungskommission für Wirtschaftsprüfer bei der Wirtschaftsprüferkammer tätig. Von solchen Dozentinnen und Dozenten zu lernen, ist toll. Von da an wollte ich Wirtschaftsprüfer werden. Ich finde die Rolle eines Wirtschaftsprüfers wichtig, weil sie oder er jemand ist, der ein Aufsichtsorgan darstellt. Es ist ein breit gefächerter Beruf, in dem man sich aufgrund sich oft ändernder Rechnungslegungs- oder Prüfungsstandards stets weiterentwickeln muss und nicht stehen bleiben kann.
Was nach dem Studium geschah …
Ich habe drei Jahre bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Jahres- und Konzernabschlüsse von mittelständischen und kapitalmarktorientierten Unternehmen geprüft, bis ich zur Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Forvis Mazars wechselte. Vom großen Bereich der Abschlussprüfung bin ich in den spezialisierten Nischenbereich ‚Forensic and Investigation‘ gegangen. Parallel legte ich das Wirtschaftsprüfungsexamen ab. Für mich gab es seit dem Masterstudium nie die Alternative, nicht Wirtschaftsprüfer zu werden. Ich habe mir im Masterstudium als Ziel gesetzt Wirtschaftsprüfer zu werden – und heute bin ich Wirtschaftsprüfer! Das Wirtschaftsprüfungsexamen war eine spannende Challenge. Es umfasst viel Lernstoff, besteht aus sieben Klausuren plus je einem mündlichen Prüfungsteil. Durch mein Masterstudium an der Hochschule Bochum konnte ich mir glücklicherweise die drei Prüfungsleistungen für Angewandte Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsrecht nach §13b der Wirtschaftsprüferordnung auf das Wirtschaftsprüferexamen anrechnen lassen.* Die Wirtschaftsprüferkammer hat bestätigt, dass die Prüfungen an der Hochschule auf einem gleichwertig hohen Niveau sind wie die vor der Kammer abgelegten Prüfungen. Somit war es mir möglich, das Wirtschaftsprüferexamen in verkürzter Form abzulegen, anstatt sieben hatte ich nur noch vier Klausuren samt mündlicher Prüfungen. Das Masterstudium hat mich optimal auch auf diese Prüfungen vorbereitet, unter anderem durch Vorlesungen zur Unternehmensbewertung, Unternehmensbesteuerung oder eben Rechnungs- und Wirtschaftsprüfungswesen.
Mein heutiger Berufsalltag …
Mein Hauptfokus liegt auf der Vorbeugung, Aufdeckung und Aufklärung von Wirtschaftskriminalität. Ich werde tätig, wenn ein börsennotierter Konzern oder ein Unternehmen aus dem Mittelstand einen konkreten Verdacht auf Unregelmäßigkeiten meldet und uns als Mandant damit beauftragt, den Verdachtsfall aufzuklären. Solche Verdachtsfälle reichen von Reisekosten- und Vergabebetrug, Diebstahl, Datenschutzverstößen oder Fehlverhalten wie Mobbing bis hin zu Untreue, Unterschlagung, falschen Angaben im Verkaufsprozess oder Bilanzmanipulation. Bei der Aufklärung solcher Fälle gehe ich nach einem klaren Muster vor und beschäftige mich mit Fragen wie: Was ist passiert? Wie lautet der genaue Vorwurf? Wem wird etwas vorgeworfen? Gab es weitere Beteiligte? Welches Motiv besteht? Wie wurde vorgegangen und wie konnte es dazu kommen? Über welchen Zeitraum ist es passiert und wie hoch ist der Schaden fürs Unternehmen? Dabei hängt die interne Untersuchung zur Aufklärung vom spezifischen Fall ab. Typische Schritte können die Analyse von E-Mails, das Auswerten von Rechnungen und Bestellungen oder das Führen von Interviews mit potenziellen Verdächtigen und möglichen Zeugen sein. Bei Verdacht auf eine Unregelmäßigkeit in der Jahresabschlussprüfung arbeite ich eng mit den Teams der Abschlussprüfung zusammen. Mich fasziniert es, solche Fälle aufzuklären. Gerade auch der psychologische Aspekt dahinter ist spannend: Warum verhalten sich Menschen so? Welche Anzeichen gibt es dafür? Mein Fokus ist es, Schäden von den Unternehmen abzuwenden und zugleich aufzuzeigen, wie sich solche Fälle künftig verhindern lassen. Ich berate Unternehmen auch darin, Wirtschaftskriminalität vorzubeugen, zum Beispiel mittels Awareness Trainings, also der Sensibilisierung der Mitarbeitenden für IT-Sicherheit und Cyber-Risiken oder mittels einer Forensic Due Diligence, bei der vor einem Unternehmenskauf zuerst risikoorientierte Untersuchungshandlungen und Hintergrundrecherchen durchgeführt werden. Manches Mandat führt mich ins Ausland. Stockholm, London, Istanbul – es ist schön, neben der Arbeit etwas von der Welt zu sehen und andere Arbeitskulturen mitzuerleben.
Das habe ich aus dem Studium mitgenommen …
Knowledge und Softskills. Im Masterstudium habe ich ein tiefes Verständnis für die Zahlenwelt in Unternehmen vermittelt bekommen, wofür ich unfassbar dankbar bin. Ich habe gelernt, strukturiert mit Gesetzestexten zu arbeiten, was ich heute in meiner forensischen Arbeit sehr nutze. Ganz gleich ob Handels- und Wirtschaftsprivatrecht, Gesellschaftsrecht oder spezielle Rechtsgebiete wie Konzern- und Insolvenzrecht – ich fand jede Vorlesung spannend. Man lernt dort nicht nur für den Beruf, sondern fürs Leben, gerade im Wirtschaftsprivatrecht. Wie funktioniert ein Kaufvertrag und wie können auf dessen Grundlage Mängel geltend gemacht werden? Das Wissen ist für jeden nützlich. Ich habe auch meine Masterarbeit über die Haftung von Abschlussprüferinnen und -prüfern im Falle einer Bilanzfälschung geschrieben. Was ich zudem im Studium gelernt habe ist kritisches Denken und das Äußern kritischer Meinung.
Erinnerungen an meine Studienzeit …
Ich habe gerne studiert und nur positive Erinnerungen an meine Studienzeit. Im Masterstudium hatte ich immer das Gefühl, hinsichtlich meiner Stärken und Interessen gefördert zu werden und dass die Professorinnen und Professoren mich wirklich sehen und wahrnehmen. Das war für mich und besonders für meine Entwicklung sehr wichtig. Die Professorinnen und Professoren haben sich auch neben den Vorlesungen Zeit genommen, um mit mir zum Beispiel eine Cashflow-Rechnung durchzusprechen, die ich zur Übung machen wollte.
Mein Tipp für Studierende …
Das Masterstudium ‚Accounting, Auditing and Taxation‘ an der Hochschule Bochum ist fordernd und anspruchsvoll. Es ist vor allem aber auch lehrreich. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es absolut relevant ist, was dort gelehrt wird. Mein Tipp an die Studierenden ist sich durchzubeißen, man hat am Ende des Studiums viel davon. Denn es gibt in der Arbeitswelt ein Bewusstsein dafür, was die Absolventinnen und Absolventen des Bochumer Studiengangs an Wissen mitbringen. Das Studium bietet beste Voraussetzungen für eine Tätigkeit in der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung, aber auch in Bereichen wie Controlling, Rechnungswesen, Finanzierung, Mergers & Acquisitions oder Investor Relations.
Das Interview führte Daniela Schaefer, Online-Redakteurin.
*Anmerkung des Studienbereichs: Diese Möglichkeit muss für jeden Studierendenjahrgang von der Wirtschaftsprüferkammer neu genehmigt werden. Die Hochschule Bochum setzt sich jedes Jahr dafür ein und hat bisher immer ein positives Votum erhalten, kann dies den Studienanwärterinnen und -anwärtern jedoch im Vorhinein nicht garantieren.
