Am 9. März fand im Hörsaal H0-01 am Zentralcampus anlässlich des Internationalen Frauentags die Lesung „Rausch und Klarheit“ von Mia Gatow statt. Die Veranstaltung bot weit mehr als eine bloße Buchvorstellung: Sie wurde zu einer tiefgreifenden Analyse darüber, wie Alkohol in unserer Gesellschaft – und speziell im Leben von Frauen – verankert ist.
Von „Frauengold“ zur vermeintlichen Emanzipation Im Mittelpunkt standen die Rollenbilder von Frauen in Werbung und Popkultur seit den 1950er Jahren. Mia Gatow verdeutlichte dies am Beispiel des damals populären Tonikums „Frauengold“. Mit rund 16,5 Prozent Alkoholgehalt wurde es als „Arzneimittel“ gegen Nervosität und Stimmungsschwankungen vermarktet, um Frauen dabei zu helfen, den oft belastenden Alltag als Hausfrau oder Mutter gelassener zu ertragen.
Mit der Frauenbewegung der 1970er Jahre wandelte sich dieses Narrativ radikal: Die Werbeindustrie stilisierte den Alkoholkonsum nun zum Zeichen weiblicher Selbstbestimmung. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die Smirnoff-Anzeige mit dem Slogan: „I never thought of burning my bra until I discovered Smirnoff.“ Trinken wurde plötzlich als Akt der Emanzipation inszeniert – eine gefährliche Verknüpfung, die gesellschaftlich bis heute nachwirkt und den Konsum von Frauen normalisiert, ohne die gesundheitlichen und sozialen Folgen ehrlich zu thematisieren.
Authentische Einblicke und reger Austausch Besonders eindrücklich wurde der Abend durch die Gastbeiträge der Anonymen Alkoholiker Bochum. Die persönlichen Erfahrungsberichte gaben dem Thema eine tiefe, menschliche Ebene und zeigten die Realität hinter der oft glänzenden Fassade des „gesellschaftlichen Schmiermittels“.
Dass diese Themen einen Nerv trafen, zeigte die anschließende Diskussionsrunde: Es entstand ein intensiver Dialogzwischen der Autorin, den Gästen und dem Publikum. Der Abend machte deutlich, dass wahre Klarheit oft erst dort beginnt, wo wir aufhören, uns gesellschaftlich geprägten Konsumzwängen zu beugen.


