Joana Pires Heise hat an der Hochschule Bochum den Masterstudiengang ‚Nachhaltige Entwicklung‘ absolviert. Heute kümmert sie sich um die Anpassungsfähigkeit der Stadt Königswinter. Als Klimaanpassungsmanagerin arbeitet sie aktuell an einem Konzept für die Kommune zum Umgang mit den Folgen des Klimawandels wie Hitzeperioden oder Starkregen. In unserer Alumni-Interview-Reihe blickt Joana Pires Heise aufs Studium zurück und berichtet aus ihrem heutigen Berufsleben.
Warum der Studiengang …
Weil er meinen persönlichen Interessen nah ist. Ich habe ein Bachelorstudium ‚Nachhaltiger Tourismus‘ am Niederrhein abgeschlossen. Dort werden die Grundsätze der nachhaltigen Entwicklung speziell auf den Tourismussektor angewendet. In dem Studium habe ich für mich entdeckt, dass ich mein Wissen über nachhaltige Entwicklung auf eine breitere Grundlage stellen und die gesellschaftlichen Dynamiken dahinter verstehen möchte. Als ich auf das Masterstudium in Bochum, nahe meiner Heimatstadt stieß, hatte ich gefunden, wonach ich suchte: Ein Studium, das Nachhaltigkeit ganzheitlich beleuchtet, aus natur-, wirtschafts-, ingenieurs- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Der Master ‚Nachhaltige Entwicklung‘ bietet eine große Auswahl an Modulen. Anfangs habe ich mich schwer damit getan etwas auszuwählen. Ich fand alle Module spannend. Persönlich hat mich dann am meisten aber die Bioökonomie interessiert, also der Übergang hin zu einer nachhaltigen, biobasierten Wirtschaft. Heute sehe ich in meiner Arbeit, dass man bei der Auswahl der Module nichts falsch machen kann. Ganz gleich für was man sich schwerpunktmäßig im Studium entscheidet, es trägt dazu bei, nachhaltige Entwicklung im Ganzen zu sehen und verstehen.
Was nach dem Studium geschah …
Seit über eineinhalb Jahren bin ich Klimaanpassungsmanagerin der Stadt Königswinter. Während meines Masterstudiums bin ich nach Bonn gezogen und habe von dort aus meine Masterarbeit geschrieben. Königswinter liegt nur wenige Kilometer entfernt. Eine Stadt als Arbeitsgeber konnte ich mir sofort gut vorstellen, denn mir gefällt der gemeinwohlorientierte Gedanke bei einer Kommune. Der Beruf der Klimaanpassungsmanagerin ist so vielfältig wie ich ihn mir erhofft hatte, obwohl ich einen großen Teil meiner Arbeitszeit am Schreibtisch bin. Während der Klimaschutz sich mit den Ursachen des Klimawandels beschäftigt, fokussiert sich die Klimaanpassung auf dessen Folgen – Hitzeperioden, lange Trockenphasen, Stürme, Starkregen- und Hochwasserereignisse und verstärkte Hagelschauer – auf die sich Stadt und Bürgerschaft einstellen müssen.
Mein heutiger Berufsalltag …
Meine Hauptaufgabe ist die Entwicklung eines Klimaanpassungskonzeptes für die Stadt Königswinter. In dem Konzept werden alle möglichen Aspekte der Folgen des Klimawandels zusammengetragen und Handlungsmöglichkeiten formuliert. Ziel ist es, sich als Kommune an extreme Wetterereignisse anzupassen und Lösungen im Umgang mit ihnen zu entwickeln, um die Lebensqualität in der Stadt zu sichern und die Menschen, besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen oder Kleinkinder, gezielt zu schützen. Auch Menschen, die im Freien tätig sind, gehören zur Zielgruppe, die besonders betrachtet wird. Ich war anfangs viel in der Stadt unterwegs, bin nach der Arbeit gewandert oder gejoggt, um Königswinter kennenzulernen. Die besondere Herausforderung dort ist, dass sich die Stadt in eine Tal- und eine Bergregion teilt und beide Regionen unterschiedliche Anforderungen an die Klimaanpassung haben. Eine meiner ersten Aufgaben war die Koordination einer Betroffenheits- und Risikoanalyse der Stadt. Mit ihr konnten zum Beispiel potenzielle Hitzeinseln oder Starkregengefahren identifiziert werden. Eine weitere Aufgabe war das Festsetzen von Handlungsfeldern: Wo wollen wir als Kommune gegen Extremwetter aktiv werden? Wir haben zum Beispiel die Bereiche Mensch und Gesundheit, Stadtplanung und Bau oder technische Infrastruktur definiert. Aktuell beschäftige ich mich mit der Entwicklung konkreter Lösungen zur Anpassung an den Klimawandel, zum Beispiel in Form von Entsiegelung, Baumpflanzungen, Sonnensegeln zur Verschattung und Flächen, die Regenwasser zurückhalten. Die Lösungen werden anschließend priorisiert und in einen Umsetzungsfahrplan überführt. Bei all diesen Schritten zum Klimaanpassungskonzept für die Stadt arbeite ich eng mit verschiedenen Akteurinnen und Akteuren zusammen, die im Konzept mitgedacht werden müssen. Mit Expertinnen und Experten aus den Fachbereichen der Stadt, sozialen Einrichtungen, Bildungseinrichtungen, Vereinen, der hiesigen Wirtschaft und Politik aber natürlich auch mit den Bürgerinnen und Bürgern von Königswinter. Denn Klimaanpassung ist als Gesellschaftsaufgabe Gemeinschaftsarbeit. Es ist spannend die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dem Studium über den Klimawandel auf lokaler Ebene anzuwenden und sich in der Praxis damit zu beschäftigen, wie wir dem begegnen können. Klimaanpassungsmanagement ist sehr sinnstiftend, dennoch möchte ich auch festhalten: Unser oberstes Ziel sollte die Einhaltung der globalen Nachhaltigkeitsziele sein, ohne sie kommt auch die Klimaanpassung an ihre Grenzen.
Das habe ich aus dem Studium mitgenommen …
Seit dem Masterstudium laufe ich anders durch Städte, lerne Städte anders kennen. Vieles aus dem Studium kann ich heute für mich nutzen. Wovon ich aber besonders profitiere ist das Wissen aus dem Modul Nachhaltigkeitskommunikation. Gute Kommunikation ist in meinem Beruf enorm wichtig. Meine Aufgabe ist es, Forschungsergebnisse aus der Wissenschaft in die Praxis zu transferieren, ein Bewusstsein für lokale Klimafolgen zu schaffen, öffentliche Foren oder Fach-Workshops zu moderieren und aktiv Erkenntnisse zu präsentieren, aufzuklären und zu beraten, ohne sich im Fachdenken zu verlieren und zugleich viele Menschen in meinem Tun mitzunehmen. Genau das habe ich im Studium gelernt. Welche Akteurinnen und Akteure spreche ich für Nachhaltigkeitsbelange an? Wie spreche ich sie an? Wie erkenne ich deren unterschiedliche Bedürfnisse? Bestes Beispiel: Kürzlich habe ich mit Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam kleinere Flächen entsiegelt und begrünt. Rund um Stadtbäume haben wir Pflastersteine und Baumschutzgitter entfernt. Denn die Steine speichern Hitze und erschweren das Versickern von Regenwasser. In dem Zuge kamen weitere Fragen auf: Sind die Wege um die Bäume herum nun noch barrierefrei? Ist das Vorbeifahren mit einem Kinderwagen noch möglich? In meinem Beruf geht es auch darum Interessen auszutarieren und einen Konsens zu finden. Man kann ein Klimaanpassungskonzept keinem überstülpen. Wenn nicht alle Beteiligten mitgenommen werden, dann wird man das nicht umsetzen können. Dieses Denken über den Umgang mit Nachhaltigkeit habe ich aus dem Masterstudium mitgenommen und genau auf dieses interdisziplinäre Arbeiten wurde ich vorbereitet.
Erinnerungen an meine Studienzeit …
Wenn ich das Studium in drei Wörtern beschreiben sollte, würde ich sagen: Interdisziplinär, praxisnah, motivierend. Gerade die Projektarbeiten fand ich toll. Dort haben wir, in kleinen Gruppen in Zusammenarbeit mit Kommunen oder Unternehmen, unser neu gewonnenes Wissen an konkreten Fragestellungen vertieft und geübt, Vorträge zu halten. Ich erinnere mich an eine Gruppenarbeit, in der wir Kunstleder in der Autoausstattung beleuchtet haben: Woraus setzt sich Kunstleder zusammen? Wie wiederverwertbar ist das Material und welche Alternativen gibt es? Motivierend fand ich das Studium, weil es ein super Miteinander mit den Lehrenden war. Die Lehrenden haben sich immer viel Zeit für uns genommen, auch für persönliches Feedback. Das machte die Lernatmosphäre sehr persönlich.
Mein Tipp für Studierende …
Man kann sich im Studium spezialisieren, wenn man das möchte. Ich persönlich fand die Vielfältigkeit toll und kann nur dazu anregen, das große Angebot zu nutzen. Es lohnt sich in viele verschiedene Bereiche zu schnuppern. Es gibt nach dem Studium tatsächlich nicht den einen Beruf, den man einnehmen kann, sondern verschiedene Berufswege. Im Studium die Offenheit und Flexibilität dafür zu entwickeln, war einer der Gründe, warum ich das Studium so geliebt habe.
Das Interview führte Daniela Schaefer, Online-Redakteurin.
