Hebammen und Rettungsdienst trainieren den Notfall
03.09.2026 Magazin
Geburtskomplikationen mit Teamkommunikation meistern.
Wie gelingt die optimale Abstimmung zwischen Hebammen und Rettungskräften, wenn jede Minute zählt? Dieser Frage widmeten sich Studierende des Masterstudiengangs Hebammenwissenschaft an der Hochschule Bochum. In einem gemeinsamen Simulationstraining mit angehenden Notfallsanitätskräften des Notfallpädagogischen Instituts Essen durchliefen sie anspruchsvolle Einsatzszenarien – vom akut auftretenden Nabelschnurvorfall bis hin zur plötzlich einsetzenden verstärkten Blutung nach der Geburt. Am Gesundheitscampus trainierten sie die optimale Kommunikation bei seltenen Geburtskomplikationen.
„Ein Nabelschnurvorfall ist ein akuter geburtshilflicher Notfall, der für das Kind lebensgefährlich sein kann. Das Kind erhält den lebenswichtigen Sauerstoff über die Plazenta und die Nabelschnur. Wenn nach dem Blasensprung die Nabelschnur vor das Köpfchen des Babys rutscht, kann sie zwischen dem Köpfchen und dem Becken der Mutter eingeklemmt werden. Dadurch kann weniger Blut und damit weniger Sauerstoff zum Baby gelangen“, erklärt Irina Golz. Als Lehrkraft für besondere Aufgaben im Studienbereich Hebammenwissenschaft hat sie das Lehrprojekt angestoßen und federführend betreut. „Dann ist es wichtig, sofort adäquate Maßnahmen einzuleiten. In der Regel ist ein Notkaiserschnitt unvermeidbar und der schnellstmögliche Transport der Gebärenden in ein entsprechendes Krankenhaus unabdingbar.“
In den simulierten Einsatzszenarien übernehmen die Studierenden verschiedene Rollen – von der Gebärenden, über eine Tele-Hebamme bis hin zu Familienmitgliedern. Um einen Nabelschnurvorfall zu simulieren, schnallt sich eine der Studierenden einen tragbaren Geburtssimulator um und veratmet authentisch Wehen. Ein angehender Notfallsanitäter schiebt mit der Hand das Köpfchen ein bisschen zurück, damit die Nabelschnur weniger abklemmt, ein weiterer zieht eine Notärztin zur kurzzeitigen Verabreichung eines wehenhemmenden Medikamentes hinzu. „Das Medikament soll die Gebärmutter entspannen, die Wehentätigkeit unterdrücken und den Druck auf die Nabelschnur minimieren“, erklärt die Masterstudentin Séverine Wayand. Die Notärztin gehört bei dem Simulationstraining zum interdisziplinären Trainerteam. Auf einer Fahrtrage wird die Gebärende aus einem der Skills-Labs – den praxisnahen Lehrräumen, in dem die Teams die Notfälle trainieren – zum Rettungswagen vor dem Hochschulgebäude gebracht. Während einer der angehenden Notfallsanitäter weiterhin vorsichtig das Köpfchen des Babys hochhebt, schieben zwei weitere die Trage zügig und sicher voran.
Bei der Gebärenden macht sich Unruhe und Angst breit. Séverine Wayand schlüpft in die Rolle des Partners der Gebärenden, der das Rettungsteam ebenso verzweifelt mit Fragen zum weiteren Vorgehen und dem Wohlbefinden des Babys konfrontiert. „Neben der Erstbetreuung und dem zügigen Transportmanagement ist es wichtig, auf eine transparente Kommunikation mit der Gebärenden und Angehörigen zu achten und eine respektvolle Versorgung der Gebärenden zu gewährleisten“, erzählt Séverine Wayand. Mit der Ankunft im Rettungswagen wird die Simulation aufgelöst. In der sich anschließenden Nachbesprechung tauschen die Studierenden und angehenden Rettungskräfte konstruktives Feedback aus. Danach steht gleich das nächste Einsatzszenario an: eine postpartale Hämorrhagie, eine schwere Blutung bei der Gebärenden nach einer spontanen, komplikationslosen Geburt. Mit reichlich Früchtetee, der aus dünnen Schläuchen läuft, wird die Blutung simuliert. Eine Hebammenstudierende ahmt in der Rolle der Gebärenden Kreislaufprobleme nach. Nur wenige Schritte weiter spielen parallel simulierte Einsatzszenarien Spontangeburten und die Reanimation eines Neugeborenen durch.
In den Simulationen haben die Masterstudierenden auch die Chance, in die Rolle einer Tele-Hebamme zu schlüpfen. „Das ist ein großes Aufgabenfeld, das auf die Berufsgruppe der Hebammen zukommt und eine neue Facette des spannenden Berufes. Tele-Hebammen gibt es in einigen strukturschwachen Regionen, aber auch in Metropolregionen, wo die Wege bis zur nächsten Klinik mit einer geburtshilflichen Abteilung lang sein können“, erklärt Irina Golz. „Die Tele-Hebamme leitet dann das Rettungsteam und die Gebärende via Telefon bis zum Eintreffen einer Notärztin oder eines Notarztes an.“
Entwickelt wurden die Simulationen von den Masterstudierenden, die allesamt staatlich anerkannte Hebammen sind. Das Rettungsteam kannte die Notfälle vorab nicht. „Für Rettungskräfte sind geburtshilfliche Notfälle seltene Einsatzszenarien“, sagt Irina Golz. „In den Simulationen haben die angehenden Rettungskräfte Notfallhandgriffe und einen schonenden aber zugleich zügigen Transfer bei außerklinisch stattfindenden Geburten und möglichen Komplikationen in Kleingruppen vertieft. Die Studierenden haben hingegen die genauen Einsatztaktiken der angehenden Notfallsanitätskräfte intensiver kennengelernt.“ Das Lehrprojekt soll beiden Professionen die Möglichkeit bieten, in einer geschützten Umgebung die Arbeitsweisen des jeweils anderen hautnah zu erleben. Dabei geht es nicht darum, einander zu belehren. „Es geht darum, im Miteinander die Kommunikation bei geburtshilflichen Notfällen zu optimieren und gegenseitiges Verständnis zu fördern, um zukünftig noch mehr Hand in Hand zu arbeiten. Ich weiß aus meiner eigenen Tätigkeit als Hebamme, wie wichtig der Wissenstransfer zwischen beiden Berufsgruppen ist“, erklärt die Lehrkraft. „Bei solch einem geburtshilflichen Notfall ist der Zeitdruck hoch. Eine postpartale Blutung beispielsweise tritt im Rettungsdienst selten auf, kann sich im Falle ihres Auftretens aber schnell entwickeln. Präzise Absprachen sind deshalb absolut notwendig. Das erleichtert auch die sichere Übergabe an die Klinik und die Weiterversorgung der Mutter und des Babys. Derartige Simulationstrainings tragen zur Professionalisierung der Teamkommunikation bei.“
Das Projekt wird mittels quantitativer und qualitativer Methoden evaluiert. Irina Golz: „Die Ergebnisse zeigen in beiden Berufsgruppen eine Zunahme der subjektiven Sicherheit im Umgang mit geburtshilflichen Notfallsituationen. Zudem verbessert sich das gegenseitige Verständnis für die jeweiligen berufsspezifischen Prioritäten und Rollen. Beide Berufsgruppen äußern den Wunsch nach mehr Zeit für interprofessionellen Austausch wie wir ihn mit diesem Projekt angestoßen haben.“
Bericht: Daniela Schaefer, Online-Redakteurin.
Studiengang Hebammenwissenschaft
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