Yokohama, Japan: Ergotherapie im Klassenzimmer

24.07.2026 Magazin

Studentinnen absolvieren Auslandspraktikum in schulbasierter Ergotherapie.

Luisa Moos und Isa Röschel haben ihr viertes Semester an einer Deutschen Schule in der japanischen Metropole Yokohama nahe Tokio verbracht und ein Auslandspraktikum in der schulbasierten Ergotherapie absolviert. Zurück kehren die Ergotherapie-Studentinnen am Gesundheitscampus der Hochschule Bochum mit einem Koffer voller spannender Erinnerungen und Erfahrungen. Im Interview berichten die beiden Studentinnen, die sich heute im sechsten Semester befinden, von ihrem Studium der Ergotherapie und ihrem Auslandspraktikum im fernen Japan.

Wieso haben Sie sich für ein Studium der Ergotherapie an der Hochschule Bochum entschieden?

Luisa Moos: Wir waren beide schon immer an sozialen Berufen interessiert und wussten früh, dass wir später mit Kindern arbeiten möchten. Ich komme ursprünglich aus der Schweiz und habe dort zunächst Grundschullehramt studiert. Während einer Praxisphase habe ich Ergotherapeut*innen im schulischen Bereich kennengelernt, ihre Arbeit fand ich spannend. Es hat mich sehr angesprochen, wie individuell man in diesem Beruf Kinder und ihre Familien unterstützen und fördern kann. Für das Studium an der Hochschule Bochum habe ich mich entschieden, weil der international anerkannte Abschluss viele Möglichkeiten eröffnet – sei es für eine Rückkehr in die Schweiz oder eine berufliche Tätigkeit im Ausland.

Isa Röschel: Da kann ich mich anschließen: Nach meinem Abitur habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr an einer Förderschule für geistige Entwicklung gemacht. Eigentlich wollte ich anschließend Sonderpädagogik auf Lehramt studieren. Durch weitere Praktika in sozialen Einrichtungen, der tiergestützten Therapie sowie in der Ferienbetreuung im In- und Ausland bin ich jedoch immer wieder mit der Ergotherapie in Berührung gekommen. Ihr Ziel ist es, Menschen darin zu unterstützen, ein möglichst selbstbestimmtes und selbstständiges Leben zu führen. Im Vordergrund steht immer die Handlungsfähigkeit im Alltag und die Teilhabe an der Gesellschaft. Besonders interessant finde ich, wie breit gefächert der Beruf ist und wie viele Spezialisierungsmöglichkeiten er bietet.

Luisa Moos: Ergotherapeut*innen können beispielsweise in Praxen für Ergotherapie, Kliniken und Rehabilitationszentren, Wohnheimen, Tagesstätten für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung tätig sein. Darüber hinaus gibt es viele innovative Einsatzfelder, beispielsweise im Jobcoaching oder schulischen Kontext. Gerade diese Vielseitigkeit macht den Beruf für uns so spannend.

Isa Röschel: Außerdem ist die räumliche Ausstattung der Hochschule echt toll, dadurch ergeben sich im Studium viele Möglichkeiten, praktische Erfahrungen und Selbsterfahrungen zu sammeln. Es gibt zum Beispiel Skills-Labs wie eine Ergotherapie-Praxis und eine Ergotherapie-Wohnung, in denen wir Inhalte aus der Lehre vertiefen können. Wir können beispielsweise Assessments, Gesprächstechniken oder Therapietools selbst ausprobieren und lernen. Dadurch wird vieles greifbarer, und man kann sich besser vorstellen, wie die spätere Arbeit mit Klient*innen aussieht.

Luisa Moos: Die Kohorten sind hier eher klein, wodurch man sich untereinander gut kennt und Inhalte gemeinsam erproben und reflektieren kann. Insgesamt entsteht dadurch eine sehr persönliche und unterstützende Lernatmosphäre.

Im vierten Semester haben Sie ein Auslandspraktikum an einer Deutschen Schule in Japan absolviert. Wie kam es dazu? 

Luisa Moos: Das Studium hat einen großen Praxisanteil mit vier praktischen Studienphasen. Diese decken die drei großen Handlungsfelder der Ergotherapie ab: den motorisch-funktionellen, den psychosozialen und den arbeitstherapeutischen Bereich. Darüber hinaus gibt es ein Wahlpraktikum, das man nach den eigenen Interessen gestalten kann – beispielsweise in einem innovativen Handlungsfeld oder im Ausland. Wir haben uns für das innovative Setting Schule entschieden, weil gerade die Schule in den Lebenswelten von Kindern eine prägende Rolle spielt. Mit Ergotherapie an Schulen kann man die Entwicklung, Teilhabe und Selbstwirksamkeit von Kindern gezielt fördern. Auf Japan fiel unsere Wahl, da wir beide ein großes Interesse daran haben, andere Kulturen und Lebensweisen kennenzulernen. In einer zunehmend interkulturellen Gesellschaft ist es aus unserer Sicht besonders wertvoll, Einblicke in unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Denkweisen zu gewinnen, um Menschen verschiedenster Herkunft später professionell, klientenzentriert und empathisch begleiten zu können. Isa war zudem bereits zweimal für mehrere Wochen in Japan und hat das Land, die Kultur und die Menschen als sehr bereichernd erlebt.

Isa Röschel: Konkret fiel unsere Wahl auf die Deutsche Schule Tokyo Yokohama, da ihr Leitbild Werte widerspiegelt, die auch in der Ergotherapie wichtig sind. Die Schule legt großen Wert auf kulturelle Vielfalt, individuelle Unterstützung, Persönlichkeitsentwicklung und gemeinsames Wachsen. Das sind auch die zentralen Aspekte des Ergotherapie-Studiums. Darüber hinaus ermöglichte uns die Arbeit an einer deutschen Schule, die Praxisphase ohne größere Sprachbarrieren umzusetzen und gleichzeitig wertvolle interkulturelle Kompetenzen zu sammeln.

Wie sah ein typischer Tagesablauf für Sie vor Ort aus?

Isa Röschel: Unser Alltag begann recht früh, weil der Schulweg mit der Bahn ungefähr anderthalb Stunden dauerte. Die Züge waren zwar oft sehr voll, gleichzeitig aber echt erstaunlich ruhig und entspannt. In der Schule waren wir in unterschiedlichen Klassen eingesetzt, haben im Unterricht hospitiert, die Lehrkräfte unterstützt und am gesamten Schulalltag teilgenommen. Konkret beobachtet haben wir Kommunikationsprozesse mit Kindern und im Team sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Gemeinsam mit den Lehrkräften haben wir überlegt, wie man Unterrichtsinhalte und -räume an die individuellen Bedarfe der Kinder anpassen kann. In Kooperation mit der Sonderpädagogik konnten gezielt Einzelförderbedarfe erkannt und evaluiert werden. Außerdem wurden Bewegungsimpulse in den Schulalltag integriert, diese leisten einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Konzentration und Teilhabe im Unterricht. 

Luisa Moos: Eine besonders bedeutsame Erfahrung dieses Praktikums war die Möglichkeit, die im Studium erlernten, verhaltenstherapeutischen Behandlungsmethoden des Therapieprogramms THOP in das Schulteam einzubringen. Ein wichtiger Teil des THOP ist die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung und die Unterstützung der Familie im Alltag. Dabei konnten wir ein Kind begleiten, das aufgrund seiner ADHS-Symptomatik Schwierigkeiten im Schulalltag zeigte. 

Isa Röschel: Für uns war ein sehr spannender Aspekt die intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Lehrkraft, der Schulleitung, der Sonderpädagogik und der Schulpsychologie. Dabei war uns wichtig, langfristige und nachhaltige Unterstützungsmöglichkeiten für das Kind zu schaffen. Im Klassenzimmer haben wir unter anderem an einer Sitzplatzanpassung und dem Einsatz von Timern zur Förderung der Konzentration gearbeitet und ADHS-gerechte Kommunikationsstrategien thematisiert.

Luisa Moos: Gerade die Arbeit im schulischen Umfeld war für uns dabei besonders spannend, da die Schule einen zentralen Lebensbereich des Kindes darstellt und somit einen wichtigen Ansatzpunkt für therapeutische Maßnahmen bietet. Es war bereichernd zu erleben, wie die gemeinsam entwickelten Maßnahmen Wirkung zeigten und positive Veränderungen angestoßen werden konnten. Nach der Schule haben wir häufig Therapieeinheiten vorbereitet, aber natürlich auch die Zeit genutzt, um Yokohama und die Umgebung zu erkunden. Wir waren oft im Viertel spazieren oder am Strand. An den Wochenenden haben wir Tagesausflüge nach Tokio, Kamakura und in andere Städte unternommen. Während der acht Wochen unseres Praktikums haben wir in einem japanischen Gasthaus in Yokohama gelebt. Das war für uns eine ganz besondere Erfahrung, weil wir dadurch die japanische Kultur kennenlernen und miterleben konnten. In dem Haus leben Menschen unterschiedlichen Alters zusammen, und wir wurden von Anfang an sehr herzlich aufgenommen. Oft haben wir gemeinsam gekocht, gegessen oder einfach Zeit miteinander verbracht. Dabei haben wir uns meistens auf Englisch verständigt, aber auch einiges an Japanisch dazugelernt.

Was haben Sie persönlich von Ihrem Aufenthalt mitgenommen?

Isa Röschel: Eine besonders wertvolle Erfahrung war für uns der Beziehungsaufbau mit den Kindern, ihren Familien und dem Lehrerkollegium. Da vor Ort bisher keine Ergotherapie etabliert war, hatten wir viel Freiraum. Das Setting Schule war eine echt tolle Möglichkeit, um erste interdisziplinäre Erfahrungen mit Regelschullehrkräften, Sonderpädagoginnen und Schulpsychologinnen zu sammeln und die Zusammenarbeit verschiedener Professionen kennenzulernen.

Luisa Moos: Erste eigene Therapieerfolge mitzuerleben hat uns sehr bestärkt. Insgesamt war das Praktikum eine einmalige Möglichkeit, Ergotherapie in einem neuen Handlungsfeld und in einem kulturell sehr spannenden Umfeld kennenzulernen. Wir haben viel positives Feedback erhalten und fühlen uns in unserer Berufswahl bestätigt. Auch das Leben in dem Gasthaus hat diese Zeit besonders gemacht. Dort konnten wir viele soziale Kontakte knüpfen und tiefere Einblicke in die japanische Kultur und Lebensweise gewinnen.

Isa Röschel: Insgesamt würden wir ein Auslandspraktikum jederzeit weiterempfehlen – besonders für alle, die während des Studiums neue Länder, Kulturen und Menschen kennenlernen möchten.


Das Interview führte Daniela Schaefer, Online-Redakteurin.