Inklusives Lernen und Lehren zu Gesundheitsthemen

02.06.2026 Magazin

Projekt bringt Studierende und Beschäftigte in Werkstätten für behinderte Menschen in den Austausch.

Im Projekt „Gemeinsam Lernen und Lehren“ am Fachbereich Gesundheitswissenschaften der Hochschule Bochum werden Menschen mit Behinderung aktiv in die Lehre integriert. Zum Beispiel Beschäftigte der Werkstätten für behinderte Menschen der wewole-Stiftung. Eins der Projektziele ist es, mit- und voneinander zu lernen. Julia Brüggemann und Elisa Zander, die das Projekt am Fachbereich als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen mit entwickelt haben und wewole-Mitarbeiterin Christina Ens berichten über den Mehrwert für Studierende, Menschen mit Behinderung und nicht zuletzt für die Forschung und den Gesundheitssektor.

Wie entstand die Idee zum Projekt?

Christina Ens: Ich habe selbst am Gesundheitscampus der Hochschule studiert und positive Erinnerungen an meine eigene Studienzeit. Geplant waren anfangs einmalige gegenseitige Besuche. Studierende des Fachbereichs Gesundheitswissenschaften besuchen unsere Werkstätten, in denen Menschen mit geistigen, psychischen oder körperlichen Einschränkungen arbeiten, lernen, wie vielfältig Menschen sind und offen auf alle Menschen zuzugehen. Demgegenüber besuchen die Werkstattbeschäftigten den Gesundheitscampus der Hochschule, schnuppern in Studium, Lehre und Forschung hinein. Die Besuche haben unsere Werkstattbeschäftigten allerdings nicht mehr losgelassen. Sie wollten sich weiter mit den Studierenden austauschen, hatten viele Fragen rund ums Thema Gesundheit und den Ehrgeiz ihr gesundheitsförderndes Wissen zu erweitern.

Julia Brüggemann: Da war von Anfang an auf beiden Seiten ein starkes Interesse am Gegenüber, sodass der Gedanke entstand, den Austausch zwischen den Studierenden und Werkstattbeschäftigten aktiv in ausgewählte Lehrveranstaltungen zu integrieren. Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen, damit sie voneinander lernen und miteinander lehren. Dazu haben wir gemeinsam eine vertrauensvolle und wertschätzende Atmosphäre geschaffen. Parallel sind wir den Lehrplan durchgegangen und haben uns angeschaut, welche der Lehrveranstaltungen die Studierenden und Werkstattbeschäftigen gemeinsam besuchen können. Dabei sind wir aktiv auf die Lehrenden im Fachbereich zugegangen. 

Elisa Zander: Zudem haben die Werkstattbeschäftigten für sich entschieden, was sie lernen möchten und was wir besonders schön fanden, aktiv Themen eingebracht. Denn wichtige Projektansätze sind die selbstbestimmte Integration der Menschen mit Behinderung in die Lehre und ihre direkte Beteiligung.

Wie sahen und sehen gemeinsame Lehrveranstaltungen aus?

Julia Brüggemann: Die Werkstattbeschäftigten haben sich zum Beispiel mehr Orientierung rund ums Thema Gesundheitsinformationen gewünscht. Wir haben eine dreiteilige Seminarreihe in einfacher Sprache, in Abstimmung mit Frau Professorin Michaela Ludewig als Verantwortliche der Lehrveranstaltung, konzipiert, in der Fragen gemeinsam diskutiert werden: Was sind überhaupt Gesundheitsinformationen? Angenommen, man kommt mit einer ärztlichen Diagnose nach Hause: Wo findet man weitergehende Informationen und wie geht man mit diesen um? Wie erkennt man gute Informationen und woran Fake News? Wir haben Gesundheitsportale unter die Lupe genommen und bewertet, wie barrierearm sie sind. Die Seminarreihe bot Raum fürs gemeinsame Arbeiten in Kleingruppen, in denen die Studierenden mit den Werkstattbeschäftigten Poster erstellt haben, die Aufschluss rund die Vielfalt an Gesundheitsinformationen geben.

Elisa Zander: In weiteren Seminaren haben die Studierenden und Werkstattbeschäftigten unter anderem Gesundheitsdeterminanten, also Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen, kennengelernt und zum Beispiel den Einfluss von Grünraum in der Stadtentwicklung auf die Gesundheit analysiert. Studierende aus dem Seminar von Frau Professorin Heike Köckler und Werkstattbeschäftigte sind gemeinsam auf Foto-Safari durch einen städtischen Park gegangen, der umgestaltet werden soll und haben auf Grundlage ihrer selbstgemachten Fotos konkrete Maßnahmen zur Gesundheitsförderung in der Parkanlage abgeleitet. Einige ihrer Ideen sollen umgesetzt werden.

Inwiefern konnten und können die Studierenden und Werkstattbeschäftigten in dem Projekt auch gemeinsam Forschungskompetenzen gewinnen?

Julia Brüggemann: Die Studierenden und Werkstattbeschäftigten haben sich in der Lehrveranstaltung von Frau Professorin Saskia Jünger zum Beispiel qualitativen Forschungsmethoden wie der Interviewführung gewidmet. Ziel der qualitativen Forschung ist es, subjektive Sichtweisen und Erfahrungen zu erheben. Wir haben uns gemeinsam angesehen: Wie werden solche Interviews zu Zwecken der Forschung geführt? Was sind gute, was schlechte Formen von qualitativen Interviews? In Kleingruppen haben die Studierenden und Werkstattbeschäftigten Forschungsfragen bearbeitet und barrierefreie Forschungsdesigns entwickelt, also einen strukturierten Plan, wie die jeweilige Frage wissenschaftlich fundiert beantwortet werden soll. Das Projekt ist dabei vom Ansatz Community Health geprägt und setzt gezielt auf Partizipation, Empowerment und Sozialraumorientierung. Neben den inhaltlichen Ergebnissen steht die Förderung von Offenheit, Respekt und Neugier auf die gegenseitigen Lebenswelten und Perspektiven im Mittelpunkt. 

Christina Ens: In einer Lehrveranstaltung von Vertretungsprofessorin Katarina Prchal haben die Werkstattbeschäftigten Vorträge über ihre eigenen Biografien mit den Studierenden entwickelt und diese Vorträge dann auch vor den Studierenden gehalten. Sie haben ihr Erfahrungswissen zu Themen wie Inklusion und Teilhabe in das Lernen und in die Lehre eingebracht und ihre Erlebnisse rund ums Thema Gesundheit mit den Studierenden geteilt. Hingegen haben die Studierenden Teile ihres erlernten Wissens aus dem Studium eingebracht und an die Werkstattbeschäftigten weitergegeben. Das Ergebnis ist ein wertvoller Wissensaustausch zwischen den Studierenden und den Werkstattbeschäftigten. Manchmal waren die Werkstattbeschäftigen zwei- bis dreimal die Woche am Campus. Die Veranstaltungen gelten als arbeitsbegleitende Maßnahmen während ihrer Arbeitszeit. Zu sehen, wie schnell die Werkstattbeschäftigten von den Studierenden angenommen wurden, wie sie alle gemeinsam darauf geachtet haben, dass Jede und Jeder in der Gruppe gut aufgehoben ist, ist sehr schön.

Was nehmen die Menschen, die in Ihren Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten, aus dem Projekt mit? 

Christina Ens: Ziel ist es, dass die Werkstattbeschäftigten die gleiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erfahren wie Menschen ohne Behinderung und dazu gehört auch direkte Beteiligung an Bildung, was ihnen dieses Projekt ermöglicht. Für unsere Werkstattbeschäftigten ist es das Highlight der Woche am Gesundheitscampus sein zu dürfen. Sie freuen sich, Neues zu lernen und den Studierenden etwas aus ihrer Lebenswelt, über ihre eigenen Erfahrungen mit der jeweiligen Behinderung vermitteln zu können. Die Vorträge, die sie mit den Studierenden erarbeitet haben, präsentieren sie auch voller Stolz in der Werkstatt. 

Elisa Zander: Und was wir besonders schön finden: Die Werkstattbeschäftigten haben die Vorträge auch auf der Community Health Konferenz der Hochschule gehalten, die ebenfalls darauf abzielt, eine umfassende gesundheitliche Teilhabe für alle Menschen zu ermöglichen. Die Werkstattbeschäftigten erfahren in diesem Projekt Anerkennung und Wertschätzung für ihre Perspektive und Expertise. Sie gewinnen an gesundheitsförderndem Wissen und entwickeln sich im Umgang mit den Studierenden und Projektaufgaben persönlich weiter. Bei einer großen Veranstaltung wie der Community Health Konferenz im Auditorium zu sitzen, sich vor hunderten Menschen zu melden und eine Frage zu einem wissenschaftlichen Vortrag zu stellen, dazu gehört Mut und Selbstbewusstsein. 

Christina Ens: In den Momenten mit den Studierenden gewinnen die Werkstattbeschäftigten so viel Selbstvertrauen, das ist schön mit zu begleiten.

Und welche Erfahrungen sammeln die Studierenden in dem Projekt?

Elisa Zander: Die Studierenden gehen zunächst mit Unsicherheit in solch ein Projekt: Sie wollen mehr über die jeweilige Lebenswelt der Menschen mit Behinderung erfahren, haben zugleich aber Sorge, etwas falsch zu machen. Diagnosen werden in unserem Projekt nicht genannt, außer jemand möchte selbst darüber sprechen. Wir wollen dadurch keine Kategorie oder Schublade aufmachen. Die Berührungsängste treffen häufig auf stereotypes Denken. In dem Projekt verschwindet beides aber dann sehr schnell. In einer Lernumgebung setzen sich die Studierenden nicht mehr nur in der Theorie mit Themen der Teilhabe und Chancengleichheit im Gesundheitskontext auseinander, vielmehr gewinnen sie durch das gemeinsame Arbeiten an Themen wertvolle Praxiseinblicke in die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung. 

Julia Brüggemann: Die Studierenden und Werkstattbeschäftigten lernen sich im gemeinsamen Lern- und Arbeitsprozess als Menschen kennen. Die Zusammenarbeit auf Augenhöhe trägt zur Entwicklung von Vertrauensprozessen bei, indem auf beiden Seiten die bisherigen Kompetenzen und Wissensformen gegenseitig anerkannt und weiterentwickelt werden. Die Studierenden lernen, zentrale Schüsselkompetenzen wie Perspektivenvielfalt und Diversität als Ressource für gemeinsames Arbeiten zu nutzen. Als angehende Fachkräfte in Gesundheitsberufen, erkennen sie, dass das Wissen der Werkstattbeschäftigten bedeutsam ist. Die Studierenden erfahren lebensnah und aus der Ich-Perspektive verschiedene Lebenswelten, deren Bedarfe aber auch Barrieren. Dieses Wissen können sie weiter in den Gesundheitssektor hineintragen, um eine inklusive hochwertige Versorgung zu gewährleisten. 

Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Julia Brüggemann: In den vergangenen zwei Jahren haben wir mit immer wieder nachfolgenden Studierenden und Werkstattbeschäftigten gemeinsame Lehrveranstaltungen durchgeführt. Das Portfolio an Veranstaltungen wurde und wird immer größer. Entstanden sind dabei neue transdisziplinäre Lern- und Lehrformate, die auch Studierenden anderer Fachrichtungen - also über die Gesundheitsberufe hinaus - Einblicke in unterschiedliche Lebenswelten und Bedarfe von Menschen aus diversen Communities eröffnen können. Diese Formate können zu einer praxisnahen Weiterentwicklung von Studium und Lehre beitragen. Aktuell führen wir den Gedanken des Projekts auch in einem Forschungsprojekt weiter. Dort verfolgen wir den Aufbau eines Netzwerks und die Weiterbildung von LebensWelt-Expert*innen, die ihr Wissen zu Gesundheitsförderung, Versorgung oder Stadtplanung teilen möchten. Diese wertvollen Berater*innen für Barrierefreiheit und Inklusion möchten wir mit Akteur*innen aus der Praxis – Ärzt*innen, Architekt*innen oder auch Webentwickler*innen – zusammenbringen, um eine bestmögliche Vernetzung und Nutzung des Wissens zu fördern. Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, das oft stumme Wissen aus verschiedenen Communities in Forschung, Lehre und Praxis transdisziplinär zu integrieren.


Das Interview führte Daniela Schaefer, Online-Redakteurin.