Lehrpreisträger*in 2026 im Interview
30.06.2026 Magazin
Prof. Dr. Anja Tenberge und Prof. Dr. Marcus Kröger für herausragende Leistungen geehrt.
Dr. Anja Tenberge, Professorin für Data Science und Dr. Marcus Kröger, Professor für Produktionssysteme und Logistik, sind mit dem Lehrpreis 2026 der Hochschule Bochum ausgezeichnet worden. Mit dem Preis würdigt die Hochschule besonderes Engagement in der Lehre. Nominiert werden die Lehrpreis-Kandidat*innen von den Studierenden. Ein Auswahlausschuss, in dem alle Hochschulstatusgruppen vertreten sind, bewertet die Vergabevorschläge und besucht die Lehrveranstaltungen der vorgeschlagenen Personen. Anschließend erarbeitet er eine Vergabeempfehlung für das Präsidium der Hochschule, das den Preis nun verliehen hat. Im Interview berichten die ausgezeichneten Lehrkräfte aus ihrer Lehre.
Erinnern Sie sich an Ihre allererste Lehrveranstaltung? Hand aufs Herz: Waren Sie nervös bei Ihrer ersten Vorlesung?
Prof. Dr. Anja Tenberge: Meine erste Lehrveranstaltung übernahm ich 2007 an der Uni Münster. Ich war damals im fünften Fachsemester meines Physikstudiums, hatte selbst gerade mein Vordiplom abgelegt und leitete die Übung zu einer Mathematikvorlesung. Nervös war ich vor allem deshalb, weil ich die Inhalte zwar gelernt hatte, aber noch nicht wirklich souverän mit den Definitionen, Sätzen und Beweisen umgehen konnte. Dennoch funktionierte es überraschend gut und ich wuchs mit der Zeit in die Rolle hinein. Meine erste eigenständige Physikvorlesung hielt ich 2015. Fachlich fühlte ich mich diesmal sicher, aber ich war sehr gespannt, ob ich mit der Zeit hinkommen würde. Das ist übrigens bis heute so. Trotz sorgfältiger inhaltlicher Vorbereitung habe ich kein Konzept für den zeitlichen Ablauf eines Vorlesungstermins. Ich gestalte den Ablauf eher spontan und intuitiv – und meistens geht es am Ende auch irgendwie auf.
Prof. Dr. Marcus Kröger: Ja, an meine erste Vorlesung erinnere ich mich noch sehr gut. Es war an einem Freitag, und ich bin mit der U-Bahn zur Hochschule gefahren. Auf dem Weg dorthin begrüßte mich einer meiner zukünftigen Studierenden mit den Worten: „Guten Morgen, Herr Kröger.“ Ich kannte ihn noch gar nicht und dachte mir, dass er vermutlich gleich in meiner Vorlesung sitzen würde. Ich war an diesem Tag ziemlich nervös, aber das freundliche „Guten Morgen“ hat mich auch sehr erleichtert und freudig auf meine erste Vorlesung gestimmt. Hand aufs Herz: Vor jedem Wintersemester bin ich ein wenig aufgeregt, da zu diesem Zeitpunkt immer neue Studierende in meiner Vorlesung sitzen.
Was ist Ihnen heute bei der Gestaltung Ihrer Lehre wichtig? Was macht gute Lehre für Sie aus?
Prof. Dr. Anja Tenberge: Für mich basiert gute Lehre auf drei Grundpfeilern. Erstens braucht Lernen Orientierung: Klare Lernziele, nachvollziehbare Strukturen und Transparenz darüber, warum bestimmte Inhalte behandelt werden und wie sie zusammenhängen, geben den Studierenden Sicherheit auf ihrem Lernweg. Zweitens entsteht Lernen im Austausch. Durch eine offene Fragekultur und aktivierende Lehrmethoden versuche ich, die Vorstellungen und den Wissensstand der Studierenden sichtbar zu machen. So kann ich gezielt dabei unterstützen, Fachinhalte zunächst zu verstehen und schließlich auch eigenständig anzuwenden. Drittens darf Lehre auch Freude machen. Gerade bei anspruchsvollen und komplexen Themen helfen alltagsnahe Beispiele, kleine Experimente und überraschende Zusammenhänge dabei, Neugier zu wecken. Ich freue mich besonders, wenn Studierende eine gewisse Begeisterung für das Fach entwickeln.
Prof. Dr. Marcus Kröger: Für mich macht gute Lehre aus, dass ich diese mit Bescheidenheit und Demut führe und dabei jeden Einzelnen respektiere. Ich als Professor kann nicht alles wissen, versuche aber mein Wissen bestmöglich zu lehren. Ich versuche meinen Studierenden etwas Greifbares zu vermitteln – sei es ein konkreter Lehrgegenstand oder die Möglichkeit, Inhalte selbst in Planspielen praktisch zu erarbeiten. Wenn ich lediglich vorne stehe und etwas erkläre, wird es schnell vergessen. Bleibt es jedoch an einem anschaulichen Beispiel hängen, kann es im Gedächtnis bleiben – und wenn die Studierenden es selbst mit ihren eigenen Händen erarbeiten, bleibt es ihnen – so hoffe ich – länger erhalten.
Wie entwickeln Sie Ihre Lehre stetig weiter?
Prof. Dr. Anja Tenberge: Vor allem durch den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, sei es in didaktischen Fortbildungen oder im Hochschulalltag. Wann immer ich von einer guten Idee erfahre, überlege ich, ob und wie sie sich in meine Lehre integrieren lässt. Manche Ansätze probiere ich bereits in der nächsten Woche aus, andere begleiten mich zunächst über längere Zeit gedanklich, bevor ich sie ausarbeite und schließlich umsetze.
Prof. Dr. Marcus Kröger: Ich versuche mich regelmäßig selbst zu hinterfragen und reflektiere gemeinsam mit meinem Mitarbeiter, was wir noch besser machen können. Zusätzlich besuche ich Fortbildungen des Netzwerks Hochschuldidaktische Weiterbildung Nordrhein-Westfalen und nehme an Konferenzen teil, um auch von außen neue Impulse zu erhalten.
Was ist Ihnen besonders wichtig, Studierenden mit auf den Weg zu geben?
Prof. Dr. Anja Tenberge: Ein MINT-Studium bedeutet für die meisten Menschen, sich regelmäßig mit neuen Herausforderungen auseinandersetzen zu müssen. Viele Inhalte erschließen sich nicht direkt beim ersten Lesen oder Hören. Gleichzeitig sollen Studierende das Vorwissen aus Schule, Grundlagenvorlesungen und vergangenen Semesterwochen jederzeit parat haben. Ich möchte Studierenden zunächst versichern, dass es völlig normal ist, das anstrengend zu finden. Darüber hinaus möchte ich ihnen vermitteln, dass Studieren ein langfristiger Lern- und Trainingsprozess ist – ähnlich wie im Sport. Wer sich den Herausforderungen immer wieder stellt, wird mit der Zeit sicherer und leistungsfähiger. Man lernt damit umzugehen, sich ständig an der eigenen Leistungsgrenze zu bewegen. Und man wird irgendwann feststellen, dass diese Grenze nicht in Stein gemeißelt ist, sondern sich Schritt für Schritt verschiebt.
Prof. Dr. Marcus Kröger: Ich versuche meine Studierenden bestmöglich auf ihr Berufsleben vorzubereiten. Dabei ist mir wichtig, dass sie sich selbst Gedanken darüber machen, wo sie nach ihrem Studium anfangen, wo sie in fünf oder zehn Jahren stehen könnten, was sie erreichen möchten, wo ihre Stärken liegen und was ihnen wirklich Spaß macht.
Bitte ergänzen Sie folgenden Satz: Ein Studium ist in meinen Augen …
Prof. Dr. Anja Tenberge: …eine einzigartige Gelegenheit, über die eigenen fachlichen, kognitiven, persönlichen und sozialen Grenzen hinauszuwachsen.
Prof. Dr. Marcus Kröger: … eine der besonderen Lebensphasen, in der man neue Freundschaften knüpft – manche auch sehr lange – und viele prägende Erfahrungen fürs ganze Leben sammelt.
Das Interview führte Daniela Schaefer, Online-Redakteurin.
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