Wie hängen Psyche und Gesundheit zusammen?
02.06.2026 Magazin
Mit dem Studiengang Gesundheitspsychologie psychische Prozesse und deren Zusammenhänge mit Gesundheit verstehen.
Wie entstehen Motivation, Gefühle und Verhalten? Welche Rolle spielen psychische Prozesse für unsere Gesundheit? Und wie lässt sich psychische Gesundheit gezielt fördern? Genau darum geht’s im neuen Bachelorstudiengang Gesundheitspsychologie. Der Studiengang wird zum Wintersemester 2026/27 am Gesundheitscampus der Hochschule Bochum starten. „Wir verstehen heute besser, wie psychische Prozesse unser Erleben, Denken und Handeln beeinflussen und verknüpfen im Studium die Psychologie mit Gesundheitsförderung“, sagt Dr. Michael Schuler, Professor für Forschungsmethoden in den Gesundheitsberufen. Im Interview gibt der Diplom-Psychologe Einblicke in den neuen Studiengang.
Was ist Gesundheitspsychologie?
Prof. Dr. Michael Schuler: Der Begriff Gesundheitspsychologie kann in einem weiteren und in einem engeren Sinn verstanden werden. In einem weiteren Sinn verstehen wir darunter die Anwendung jeglichen psychologischen Wissens im Gesundheitsbereich. Also beispielsweise die Anwendung von psychologischen Theorien und Methoden in der Gesundheitsversorgung. In einem etwas engeren Sinn ist die Gesundheitspsychologie ein Teilgebiet innerhalb des großen Spektrums der Psychologie, sie beschäftigt sich mit den psychischen Aspekten von Gesundheit, Krankheit und Gesundheitsverhalten. Die Gesundheitspsychologie befasst sich mit der Frage, wie psychische Faktoren dazu beitragen, gesund zu bleiben, Erkrankungen vorzubeugen und Menschen bei der Bewältigung gesundheitlicher Herausforderungen zu unterstützen. Des Weiteren interessiert sie sich dafür, welche psychischen Prozesse in der Entstehung von Erkrankungen eine Rolle spielen, etwa beim Übergang von akuten zu chronischen Schmerzen.
Wie unterscheidet sich das Studium der Gesundheitspsychologie vom reinen Studium der Psychologie?
Prof. Dr. Michael Schuler: Unser Bachelorstudiengang Gesundheitspsychologie ist ein Psychologiestudium mit besonderem Bezug zur Gesundheitsversorgung. Er ist zu 80 Prozent ein Bachelorstudiengang der Psychologie. 20 Prozent der Module finden sich nicht im gängigen Psychologie-Studium, und bereiten gezielter auf die Arbeit in der Gesundheitsversorgung vor. Dazu gehören Module wie Gesundheitsförderung in der Kindheit oder Rechtliche Grundlagen in Prävention, Rehabilitation und Beratung. Die Studierenden erlangen Wissen über den Aufbau des Gesundheitswesens und darüber wie das System, in dem sie später arbeiten, funktioniert. Das bedeutet: Wir lehren Psychologie in der Breite und mit besonderem Fokus auf eine Tätigkeit im Gesundheitsbereich.
Zu wem passt der Studiengang Gesundheitspsychologie?
Prof. Dr. Michael Schuler: Zu Menschen, die Interesse am Menschen mitbringen. Ziel von Gesundheitspsychologinnen und Gesundheitspsychologen ist es, Menschen darin zu unterstützen, ihre Gesundheit zu stärken, Erkrankungen vorzubeugen oder zumindest Krankheitsverschlechterungen entgegenzuwirken. Mit dem Studium sprechen wir zum einen Abiturientinnen und Abiturienten an, die sich für psychologische Fragestellungen im Gesundheitswesen interessieren und ein fundiertes berufliches Profil aufbauen möchten. Der Bachelor vermittelt dafür eine breite wissenschaftliche und praxisorientierte Grundlage und eröffnet erste berufliche Perspektiven. Gleichzeitig kann er Ausgangspunkt für eine spätere Spezialisierung sein, beispielsweise durch ein weiterführendes Masterstudium oder zusätzliche Qualifikationen. Zum anderen richtet sich der Studiengang an Personen, die bereits im Gesundheitsbereich arbeiten und ihr berufliches Profil erweitern möchten – etwa Physiotherapeut*innen, Logopäd*innen, Ergotherapeut*innen, Pflegekräfte oder Hebammen. Für Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung kann das Studium ein wichtiger Schritt der Akademisierung sein. Auch Personen, die bereits ein Bachelorstudium absolviert haben, können Gesundheitspsychologie grundsätzlich als weiteres Bachelorstudium anschließen.
Was sind Tätigkeitsfelder von Gesundheitspsychologinnen und Gesundheitspsychologen?
Prof. Dr. Michael Schuler: Gesundheitspsychologinnen und Gesundheitspsychologen beschäftigen sich damit, Gesundheitsverhalten von Menschen zu verstehen sowie gesundheitsförderliches Verhalten auf- und gesundheitsschädliches Verhalten abzubauen. Beispielsweise in Puncto Ernährung, Bewegung und Sport, Stressbewältigung oder Burnout-Prophylaxe. Das Studium bereitet Absolventinnen und Absolventen auf Tätigkeiten in der Gesundheitsförderung und Prävention im Kinder- und Jugendbereich ebenso vor, wie beispielsweise auf Tätigkeiten im betrieblichen Gesundheitsmanagement, wo sie gesundheitsförderliche Arbeitswelten mitgestalten können. Sie unterstützen Patientinnen und Patienten dabei, mit einer Erkrankung umzugehen und ihren Alltag trotz gesundheitlicher Einschränkungen aktiv zu gestalten. Die Krankheitsbewältigung spielt dabei eine zentrale Rolle. Auch in Rehabilitationszentren spielen Gesundheitspsychologinnen und Gesundheitspsychologen eine zentrale Rolle, indem sie Menschen jeglichen Alters bei der Rückkehr in den Alltag helfen. Bei Krankenkassen, Versicherungen oder Gesundheitsämtern können sie unter anderem die Konzeption, Durchführung und Evaluation von Präventionsprogrammen mitgestalten. Weitere Beschäftigungsbereiche liegen in der Gesundheitsinformation und -kommunikation sowie an der Schnittstelle zur Gesundheitspolitik, wo sie an der Entwicklung von Public-Health-Strategien mitwirken können, beispielsweise durch die Gestaltung von Kampagnen zur Förderung der Gesundheit ganzer Bevölkerungsgruppen. Je nach Zulassungsvoraussetzungen können Absolventinnen und Absolventen anschließend ein weiterführendes Masterstudium aufnehmen.
Qualifiziert das Studium auch für die Tätigkeit als Psychotherapeutin oder Psychotherapeut?
Prof. Dr. Michael Schuler: Nein, es ist nicht möglich, dass Absolventinnen und Absolventen unseres Bachelorstudiengangs Gesundheitspsychologie als Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten arbeiten, denn der Studienabschluss berechtigt nicht zur Erlangung der Approbation als Psychotherapeut*in. Eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut diagnostiziert und therapiert psychische Erkrankungen - eine Angststörung, Depression oder Essstörung. Psychotherapie ist jedoch nur ein Teil des Gesundheitswesens. Daneben gibt es zahlreiche Aufgabenfelder in Gesundheitsförderung, Prävention, Beratung und Rehabilitation, auf die der Studiengang gezielt vorbereitet.
Wie ist das Studium der Gesundheitspsychologie aufgebaut?
Prof. Dr. Michael Schuler: Neben der Gesundheitspsychologie im engeren Sinn tauchen die Studierenden in viele weitere Teilgebiete der Psychologie ein. Dazu gehört die Allgemeine Psychologie, in der es um grundlegende psychische Prozesse geht, die alle Menschen gemeinsam haben: Wie arbeitet unser Gedächtnis? Wie funktionieren Wahrnehmung, Denken, die Aneignung von Wissen aber auch Motivation und Emotion? Differentielle Psychologie beschäftigt sich unter anderem mit Faktoren, die Menschen unterscheidet, darunter Intelligenz oder Temperament. In der Entwicklungspsychologie beschäftigen sich die Studierenden damit, wie altersbezogene Veränderungen das Erleben und Verhalten von Menschen beeinflussen, in der Sozialpsychologie betrachten sie psychologische Prozesse, die von unserem sozialen Umfeld ausgehen. Wie wird unser Denken, Fühlen, Handeln im Austausch mit anderen Personen beeinflusst? Wie verhalten wir uns in Gruppen? In der Kognitions- und Neuropsychologie lernen Studierende wie das Gehirn und unser Nervensystem mit dem psychologischen Apparat zusammenhängen. Zudem erwerben sie in der Klinischen Psychologie Kenntnisse über Psychische Störungen und grundlegende Behandlungsansätze. Denn auch wenn die Studierenden nicht als Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten arbeiten werden, benötigen sie fundierte Kenntnisse der Klinischen Psychologie, um mit Personen arbeiten zu können, die vorher in Psychotherapie waren oder begleitend eine Psychotherapie in Anspruch nehmen. Die Studierenden eignen sich Kenntnisse der Rehabilitationspsychologie an, die sich unter anderem mit psychischen Folgen chronischer Erkrankungen befasst. Außerdem erwerben sie in der Kommunikationspsychologie Kompetenzen darin, wie Informationen im Gespräch wahrgenommen werden und wie sie dieses Wissen in Beratungsgesprächen einsetzen können. Besonders wichtig ist uns dabei der Transfer in die Praxis: Die Studierenden sollen lernen, Erkenntnisse aus den verschiedenen Teilgebieten der Psychologie gezielt in gesundheitspsychologischen Handlungsfeldern anzuwenden.
Können die Studierenden auch individuelle Schwerpunkte im Studium wählen?
Prof. Dr. Michael Schuler: Ja, es gibt so genannte Wahlpflichtfächer, über die sie ihr Profil schärfen können. Die Studierenden können beispielsweise Lehrveranstaltungen zu aktuellen Entwicklungen und Trends in der Gesundheitspsychologie, interprofessioneller Familiengesundheit oder ambulanter Versorgung von Menschen mit Wirbelsäulenbeschwerden besuchen. Wir haben am Gesundheitscampus Vernetzungsmöglichkeiten zu benachbarten Wissenschaften im Gesundheitsbereich und zu Gesundheitsberufen, mit denen Gesundheitspsychologinnen und Gesundheitspsychologen zusammenarbeiten werden – und diese Vernetzungsmöglichkeiten nutzen wir.
Wie praxisnah ist das sechssemestrige Studium?
Prof. Dr. Michael Schuler: Die Lehrveranstaltungen sind sehr praxisnah, beispielweise die Module Mentoring und Coaching oder Gesundheitsberatung. In letzterem lernen die Studierenden in Rollenspielen und Gruppenarbeiten die Konzeption, Vorbereitung und Durchführung von Beratungsgesprächen. Die Studierenden werden im fünften Semester auch ein achtwöchiges Praktikum im gesundheitspsychologischen Berufsfeld absolvieren und in einem Praxisforschungsprojekt in Gruppen, wahlweise mit Kooperationspartnerinnen und -partnern aus der Praxis, eigene Forschungsideen entwickeln, umsetzen und evaluieren. In dem Projekt können sie das wissenschaftliche Handwerk anwenden, das sie im Studium erwerben. Wissenschaftliches Arbeiten ist ein zentraler Bestandteil des Studiums. Die Studierenden lernen, Maßnahmen evidenzbasiert zu planen und ihre Wirksamkeit kritisch zu überprüfen.
Wie sind die Zukunftsaussichten für die Absolventinnen und Absolventen?
Prof. Dr. Michael Schuler: Durch den demografischen Wandel steigt der Bedarf an Gesundheitsförderung, Prävention und Unterstützung bei chronischen Erkrankungen. Die Zahl chronischer und psychischer Erkrankungen nimmt zu. Beispielsweise spielt Einsamkeit heutzutage eine große Rolle bei Kindern wie bei Älteren. Das gesundheitspsychologische Wissen wird immer bedeutender. Damit eröffnen sich Absolventinnen und Absolventen vielfältige berufliche Perspektiven in einem wachsenden Tätigkeitsfeld des Gesundheitswesens.
Das Interview führte Daniela Schaefer, Online-Redakteurin.
Studiengang Gesundheitspsychologie
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