Viele Persönlichkeiten. Zwei Standorte. Eine BO.

World Solar Challenge 2015

Am 18. Oktober startet die Brigdestone "World Solar Challenge 2015", die inoffizielle Weltmeisterschaft solar betriebener Fahrzeuge in Australien.

Das SolarCar-Team der Hochschule Bochum nimmt an diesem Rennen mit dem neu entwickelten ThyssenKrupp SunRiser teil.

Der "ThyssenKrupp SunRiser" wird in der nach einem Bochumer Fahrzeug benannten Cruiser-Klasse starten, in der Alltagstauglichkeit, eine Straßenzulassung im Ursprungsland und mindestens zwei Sitzplätze vom Reglement verlangt werden. Spitzengeschwindigkeiten von über 120 Stundenkilometer werden erreicht.

Tagebucheinträge

12. Oktober 2015: Auf dem Laufsteg

Erster Auftritt des ThyssenKrupp SunRisers vor großem Australischem Publikum: Das Team zeigt den Sonnenwagen zum ersten Mal an der Rennstrecke im Hidden Valley. Hier nutzen viele Wettbewerbsteilnehmer die Boxen als Werkstatt bis zum Start am Sonntag. Geschäftiges Treiben überall, zwei bis drei Fahrzeuge sind zu Testfahrten auf der Strecke unterwegs. Überall sieht man Lötkolben und  Messgeräte, an manchen Stellen hört man eine Flex aufheulen. Im günstigsten Fall sind nur kleine Schäden von Testfahrten zu beseitigen, oft aber sieht man noch ein Wirrwarr von Puzzleteilen, die mal ein Solarcar werden wollen.

Einen Tag vor dem geplanten Scrutineering sind am deutschen Solar-Sportcoupé alle Arbeiten abgeschlossen. Die Regel lautet: Nichts mehr ändern an Hard- und Software, was bei den Testfahrten von über 2500 Kilometern in Australien gut funktioniert hat, keine Modifikationen mehr, auch wenn sie noch so genial erscheinen.

Also bleibt Zeit bleibt Zeit für einen Besuch im verborgenen Tal von Darwin, was zumindest Reisenden in Sachen solarer Mobilität in diesen Tagen finden müssen, wenn sie an der Bridgestone World Solar Challenge teilnehmen wollen. Hier auf der Rennstrecke findet am Samstag das dynamische Scrutineering statt, also Brems- und Stabilitätstests. Zudem ergibt sich aus der gefahrenen schnellen Runde auf der Strecke die Startreihenfolge für den Weg nach Adelaide.

Unmittelbar nach dem Ausladen ist der SunRiser von Schaulustigen umringt. Fachmännisch wird der deutsche Sportwagen mit eingebauter Sonnentankstelle unter die Lupe genommen. Besonders begehrt ist der Einstieg in das Cockpit, um das edle Interieur genauer in Augenschein zu nehmen. Die Studierenden aus Bochum, allen voran Teamchef Max Ehl, sind sichtlich stolz auf ihr selbstgebautes Fahrzeug und noch mehr freut sie die große Resonanz beim ersten Auftritt hier in Australien vor den kritischen Augen der Konkurrenten.  Ob die technischen Inspektoren bei der morgigen Abnahmeprüfung genauso begeistert sein werden, bleibt abzuwarten.


13. Oktober 2015: Auf dem Prüfstand

Beim statischen Scrutineering, einer Art TÜV-Abnahme des Veranstalters, entscheidet sich endgültig, ob man alle Regeln des Wettbewerbs zum Design eines Solarcars gelesen und verstanden hat und zwar im Sinne des Regelschreibers. An mehreren Station werden alle Details zur Fahrzeugkonstruktion sowohl in mechanischer als auch in elektrischer Hinsicht geprüft. Dazu stehen natürlich alle Aspekte zur Sicherheit auf der Testagenda. Zunächst muss der Eventaufkleber aufs Auto. Die Dimensionen waren vorher klar, also gibt es auf den hinteren Radkästen auch Platz für das Logo der Bridgestone World Solar Challenge. Felix Sieberg bemängelt nach dem Aufkleben, dass der Aufkleber nicht in der Waage sitzt. Kein Problem für den freundlichen Australier, der dafür verantwortlich ist. Aufkleber noch mal runter - das geht zum Glück relativ einfach, weil vorher Wasser auf die Oberfläche gesprüht worden ist. Unter den kritischen Augen des Vize-Teamchefs wird zur Zufriedenheit korrigiert.

Weiter geht es zur Vermessung der Karosserie. Das Gewicht, die Länge, Breite und Höhe werden ermittelt. Zusätzlich wird in diesem Jahr zum ersten Mal geprüft, ob das Sonnenpanel, das beim Laden im Stilstand am Auto montiert sein muss und nicht mehr daneben gestellt werden darf, bei maximaler Senkrechtstellung eine vorgegeben Höhe nicht überschreitet. Die Bochumer Konstruktion wird exakt auf den vorgegebenen Wert eingestellt und beweissicher markiert.

Beim Test zum Ausstieg im  Gefahrenfall gibt es in der Cruiser-Klasse selten Probleme, weil akrobatische Übungen, die in der Challenger-Klasse fast immer nötig sind, um in 15 Sekunden aus dem Cockpit zu kommen, wegen der normalen Türen entfallen.

Es folgt der Prüfstand zur Rundum-Sicht des Fahrers. Für den Rückraum nutzen die meisten Cruiser -Solarcars Kameras, um den Windwiderstand, der durch Spiegel entsteht, zu vermeiden. Die Holländer aus Eindhoven müssen ihr System neu einstellen. Die Rücksicht des Cruisers aus dem Ruhrgebiet überzeugt auf Anhieb. Nicht zufrieden ist ein Prüfer mit der Montage des Zusatzbremslichts unterhalb des Solargenerators. Er hätte ihn gerne höher gesehen. Der Chef-Scrutineer Dr. Paul Rand wird hinzugerufen, weil der Text der Regel nicht eindeutig ist. Er entscheidet für die Bochumer Auslegung der Definition.

Der elektrische Teil der Tests gliedert sich in die Begutachtung der Verkabelung und Sicherheitsschaltungen und den Check der Batterie. Dabei wird tatsächlich jede einzelne Zelle gezählt, um so das vorgeschriebene maximale Batteriegewicht der Zellen von 60 kg zu verifizieren. Alles passt und so kann auch da ein grüner Punkt ins Prüfungsbuch geklebt werden.

Am Ende steht die offizielle Zulassung für das Nothern Territory. Prüfung bestanden, alle  dürfen sich auf das Team-Grillen freuen, für das alle Unterstützer aus Darwin eingeladen wurden. Der Chef der Werkstatt, in der die Studierenden arbeiten durften, will Lammspieße beisteuern. Das klingt nach einem leckeren Abend.


14. Oktober 2015: Cruiser und solche, die es sein wollen

Die Studierenden aus Bochum bleiben heute in der Werkstatt. Langsam muss man sich Gedanken machen, wie das ganze Gepäck von 40 Teammitgliedern auf die Reise nach Adelaide gehen soll, dazu noch Werkzeug, Ersatzteile und die Küchenausrüstung. 12 Begleitfahrzeuge umfasst der Tross, der mit dem ThyssenKrupp SunRiser unterwegs sein wird. Kofferräume werden vermessen, große Alukisten hin und her gewuchtet. Schon die Koffer und Rucksäcke passen nicht alle in einen kleinen Anhänger. Viel Arbeit für das Support-Team bei drückender Schwüle!

Das Scrutineering geht heute weiter für die anderen Teams. Spannend zu beobachten, wie verschieden man die Regel der Cruiser-Klasse interpretieren kann. Aus Japan kommt ein Fahrzeug, dessen Form wie eine Mischung aus Rochen und Katamaran erscheint. Nicht ohne ästhetischen Reiz wirkt der Zweisitzer extrem futuristisch. In den beiden Katamaran-Rümpfen sitzt je eine Person den Regeln entsprechend in aufrechter Sitzposition, trotzdem erinnert der Fahrerplatz stark an solche aus der Challenger-Klasse. Die Form sorgt wegen der geringen Frontfläche für einen sehr kleinen Windwiderstand. Mit Leichtigkeit lässt sich der Wagen mit zwei Personen vorne anheben und wie eine Schubkarre schieben. Das hilft, weil der Wendekreis wegen der schmalen Radkästen eher groß ausfällt. Wieviel der Sonnenwagen wiegt, bleibt bisher ein Geheimnis der Japaner. Auch wenn diese Version eines Cruiser-Solarcars weit entfernt von jeglicher Alltagstauglichkeit ist, wird es eines der schnellsten im Feld sein, denn Gewicht und Windwiderstand beeinflussen entscheidend den Energieverbrauch und damit die mögliche Geschwindigkeit. Ein Challenge-Cruiser eben, wie einer der Technikprüfer treffend konstatiert.

Dagegen wirkt der Beitrag des Ardingly-College aus England in den Augen des Autors dieser Zeilen wie ein echtes Cruiser-Fahrzeug. Die Bauform erinnert ein bisschen an einen Ford Modell T aus den Anfängen der Mobilität. Chromglänzende Schutzbleche vorne, rechteckige, ebene Solarflächen vorne, auf dem Dach und hinten und Blinker, die senkrecht auf der Fronthaube stehen und einen wie kleine gelbe Augen anlachen. Vermutlich mit weniger als 5% der Budget der Topteams gebaut, gebührt dem College aller Respekt für diese Leistung. Erst beim zweiten Hingucken fällt ein gelbes Solarcar auf, das im Logo des Teams erscheint: SolarWorld No.1, der Wagen der Bochumer von 2007, der den ersten Design-Award der WSC gewonnen hat. Ein großes Vorbild offensichtlich und sicher eine Ikone in der Solarcar-Szene!

Auf der Rennstrecke im Hidden Valley kommt zur gleichen Zeit einer der Top-Favoriten aus Japan an: Das Team der Tokai-Universität. Neben den Holländern aus Delft und Twente, Michigan aus den USA und dem belgischen Team einer der Titelaspiranten in der Challenger-Klasse. Wie bei asiatischen Teams üblich, bleiben alle ganz nah beim Solarcar. Jeder fasst mit an, auch wenn nur etwas über eine Stunde festgehalten werden muss. Interkulturelle Unterschiede bei der Teamarbeit kann man bei der World Solar Challenge ausgiebig studieren.

ThyssenKrupp Sunriser - Check Up

15. Oktober 2015: Hans Go! fährt mit

Heute geht es für den ThyssenKrupp SunRiser zum ersten Mal auf die Rennstrecke im Hidden Valley. Die meisten Teams haben hier in einer der Boxen ihre Werkstatt installiert. Bei 40 angemeldeten Sonnenwagen reichen aber die Garagen in der Boxengasse nicht aus. Also wurden Zelte aufgebaut, in denen überwiegend die Teams einquartiert werden, die den Luxus einer eigenen Werkstatt in Darwin genießen wie auch die Bochumer. Wenn man auf die Strecke will, muss man sich rechtzeitig vorher anmelden und einen halbstündigen Zeitschlitz buchen, den man sich mit drei anderen Fahrzeugen teilen muss. Die Geschwindigkeit, die man auf dieser Strecke erreicht, hat nichts mit dem eigentlichen Langstreckenwettbewerb zu tun. Lediglich die Startreihenfolge wird durch die schnelle Runde am Samstag festgelegt.

Während man sich im öffentlichen Straßenverkehr aber an die entsprechenden Regeln halten muss und zudem noch möglichst energiesparend unterwegs sein soll, kann man hier mal andere Qualitäten eines leichten Elektrofahrzeuges beweisen. Das geringe Gewicht der Karosse und das Drehmoment  der Elektromotoren schon bei geringsten Geschwindigkeiten lassen das Herz jedes sportlich ambitionierten Fahrers höher schlagen und so sieht man hier die Top-Teams mit atemberaubenden Manövern um die Kurven hetzen. Die pflichtmäßig folgenden Begleitfahrzeuge haben insbesondere in den engen Kehren allergrößte Schwierigkeiten, den Anschluss nicht zu verlieren. Nach wenigen Runden ist klar, wie gut die schmalen Solarreifen haften und es geht mit geschmeidigem Driften durch die Schikanen. Das nachfolgende Chase kommt nur mit quietschenden Reifen hinterher.

Bei einem kurzen Boxenstopp darf Hans Gochermann als Beifahrer zusteigen. Im Jahr 2003 hatte er dem Bochumer Team einen Solargenerator gesponsert, der Grundstock für die Gründung des bisher einzigen Hochschul-Solarcar-Teams aus Deutschland. Er strahlt begeistert, als er den Sicherheitsgurt anlegt. Viele Solarwagen hat seine Firma mit Generatoren made in Germany ausgestattet. Der Clou bei der Verarbeitung der Solarzellen durch das Haus Gochermann ist die Laminierung und die mikroprismatische Beschichtung, die die Effizienz der Zellen erhöht, weil das Sonnenlicht deutlich weniger reflektiert wird. Durch den samtschwarzen Schimmer ohne jede Spiegelung wird für den Experten ein Gochermann-Array erkennbar.

Während der schnellen Runden im Hidden Valley geht es in der Halle weiter mit den Fahrzeugabnahmen. Die Polen führen heute ihren Adler vor und ein weiterer Cruiser-Teilnehmer kommt aus Indonesien und hört auf den Namen Widya Wahana V. Der rote Renner steht auf schicken Speichenfelgen, die ansatzweise an einen Jaguar Type E erinnern. Beide Solarmobile wirken nicht gerade leichtgewichtig ganz im Gegensatz zum SunSPEC4 aus Singapur, der mit gut 290 kg um 80 kg leichter ist als der ThyssenKrupp SunRiser. Ob die Gewichtsersparnis auf Kosten der Sicherheit gegangen ist, lässt sich schwer sagen. Einen Überrollkäfig, wie er aus hochfestem Stahl  im SunRiser eingebaut ist, bleibt mindestens unsichtbar. Allem Anschein noch leichter wirkt OWL, der rochenförmige Solarwagen der Kogakuin University aus Japan. Das Gewicht bleibt aber ein Geheimnis, so sagt der japanische Teamchef.

Überrascht und begeistert reagiert die Solarcar-Gemeinde auf den ersten ungarischen Wettbewerbsbeitrag für die Challenger-Klasse. Megalux überzeugt mit Perfektion in jeder Hinsicht. Kohlefaser mit polierten Oberflächen, Fahrwerkstechnologie, die auch an kritischen Stellen vor Carbon nicht zurückschreckt und eine Verkabelung, die nahezu unsichtbar bleibt. Das lässt sich ohne weiteres vergleichen mit den Hightech-Rennern aus Delft  und Japan. Wenn der optische Eindruck auch auf die Zuverlässigkeit schließen lässt und die Strategie stimmt, dann wird Megalux ganz vorne in der Challenger-Gruppe mitfahren.


16. Oktober 2015: Ruhe vor dem Sturm

Der heutige Freitag bleibt weitgehend ereignislos für die Bochumer Studierenden. Am Abend findet der Empfang des Premier-Ministers des Northern Territory statt, zu dem maximal 4 Mitglieder pro Team eingeladen sind. Vor dem Parlamentsgebäude sollen drei Solarcars ausgestellt werden, der ThyssenKrupp SunRiser wurde mit ausgewählt. Also muss der Sonnenwagen aus Bochum gegen Abend dort aufgebaut werden.

Finales Packen ist heute angesagt. Schon am Vormittag ist die Werkstatt geräumt. Das Transportkapazitätsproblem wurde mit Hilfe der örtlichen ThyssenKrupp-Vertretung gelöst, die einen Logistikdienstleister für die Überführung von ein paar Palletten nach Adelaide beauftragt hat.

Hinter der Werkstatt hat sich Stephan Schwabe den SunRiser für ein Fotoshooting in die pralle Sonne stellen lassen. Der Profifotograf begleitet das Team beim Wettbewerb. Später soll aus seinen Aufnahmen ein  Bildband entstehen.

Die Abnahmeprüfung des Veranstalters geht heute in die Endrunde. Alle Fahrzeuge, die noch mit roten Punkten in der Liste stehen, müssen noch mal kommen und ihre Verbesserungen und Korrekturen vorführen. Auch das Liberty Team, ein College aus den USA, musste schon gestern seine Elektrik noch einmal zeigen. Umfangreiche Umbau- und Neuverkabelungsarbeiten waren nötig, weil entsprechende Relais fehlten, um das Fahrzeug im kritischen Fall freischalten zu können. Sean Dalton und André Buß haben den jungen Schülern aus dem College geholfen, diese hohe Hürde zu nehmen und innerhalb von einem Tag eine komplette Neuverdrahtung der kritischen Komponenten vorgenommen und Relais eingebaut. Jetzt zeigt sich der Prüfer zufrieden. Die jungen US-Amerikaner dürfen auch auf die Strecke.

Am gestrigen Abend hatte der Hauptsponsor der Veranstaltung, Bridgestone, zum Essen unter freiem Himmel geladen. Auf einem großen Rasenplatz hinter der Prüfungshalle kamen geschätzt 500 Menschen zusammen und genossen einen der letzten entspannten Momente, bevor es auf die große Reise geht. Frisbees und Footballs flogen trotz der hohen Temperaturen im hohen Bogen, Festivalstimmung lag in der Luft.


17. Oktober 2015: Am Start

Heute steht das dynamische Scrutineering  auf dem Programm. Im Hidden Valley muss jedes Solarcar beweisen, dass Fahrwerk und Bremsen den Anforderungen der kommenden 3.000 Kilometer genügen. Daneben geht es um die Startreihenfolge, die durch die schnellste Runde ermittelt. Runden um die 2 Minuten haben sich in der Vergangenheit als Topzeiten herausgestellt. Wer ganz vorne losfahren will, sollte aber eher noch ein paar Sekunden schneller sein.

Gestern traf man sich im Parlamentsgebäude zum Empfang des Chief-Minister. Reden und Häppchen standen auf dem Programm, die Getränke nicht zu vergessen. Vorher wurden drei Sonnwagen vor dem Gebäude gezeigt. Der ThyssenKrupp SunRiser war dabei. Ein perfekter Sonnenuntergang, auf der Terrasse des Parlaments zu besichtigen, bildete den Abschluss dieses stilvollen Abends.

Vor sieben in der Früh sollen alle Teams im Hidden Valley sein. Denn 46 Solarcars müssen auf die Strecke, das will gut organisiert sein. Ein Briefing von Sicherheitschef Pete erläutert das Prozedere. Erst eine Runde zum Aufwärmen, dann geht es mit fliegendem Start in die gemessene Strecke. Am Ende abbiegen auf die Kurzstreckenbahn, dort wird der Wendekreis getestet, der weniger als 16m betragen muss. Anschließend der Elchtest durch die Schikane aus Pylonen und zum Abschluss der Bremstest. Die Startreihenfolge gestaltet sich mehr oder weniger willkürlich, wer fertig ist, darf sich anstellen und wird von Pete auf die Strecke gewinkt.

Insbesondere der Bremstest macht manchen Solarcars Schwierigkeiten. Gleich am Anfang bricht bei der Vollbremsung ein komplettes vorderes Fahrwerk ab und der Sonnenwagen rutscht auf der Karosserie weiter. Das sieht nach einer anstrengenden Nachtschicht aus, wenn dieser Wagen morgen noch an den Start gehen soll.

Auch die Strecke ist nicht ohne. Sunswift geht in der letzten Kurve wegen eines Reifenplatzers in das Kiesbett. Zum Glück ist nur die Felge zerstört. Fahrer und Fahrzeug scheinen wohlauf.

Die Top-Teams werden ab 11 Uhr an den Start gebeten. Wie fast zu erwarten, legt Stella Lux mit 1:54:00 eine Zeit vor die an diesem Tag nicht mehr getoppt wird. Der SunRiser mit Raphael Schniewind am Steuer schlägt sich mit 1:57:32 glänzend. Nur noch der Arrow aus Australien, ein Challenger-Team, fährt mit 1:54:64 schneller. Als Startplatz 3 vor die große Reise nach Adelaide!

ThyssenKrupp SunRiser - Dynamics

18. Oktober 2015: Zu zweit

Direkt vor dem Parlamentsgebäude steht der ThyssenKrupp SunRiser, Startplatz 3. Die Solarautos starten nicht nach Klassen getrennt wie vor zwei Jahren, sondern bunt gemischt im Minutenabstand in der Rangfolge der Minutenzeiten von gestern. Sogar der scheinbare Bremstotalschaden von gestern hat es noch in die Startaufstellung geschafft. Wie zu jedem Beginn der WSC spielt eine Big Band auf, in diesem Jahr haben sie ein ABBA-Medley einstudiert. Toni Bauer vom Media-Team gefällt die Instrumentalversion nicht und so singt sie für das Bochumer Team den passenden Text.

Eine leichte Nervosität ist bei jedem spürbar, trotzdem werden alle Checks sorgfältig zu Ende gebracht. Zu zweit soll heute gefahren werden, entscheidet die Strategie. David Herrmanns fährt die erste Etappe bis Katherine, auf dem Beifahrersitz nimmt Julia Rose Platz. Schon kurz nachdem die Bebauung am Ortsausgang von Darwin aufhört, sortiert sich das Feld neu. Viele Challenger ziehen vorbei, unter anderem natürlich auch Nuna und  das Tokay-Team, die mit gut 95 km/h das Rennen angehen. Die Konkurrenz in der Cruiser-Klasse fährt zwar langsamer, ist aber immerhin mit um die 80 noch flott unterwegs. Die Bochumer entscheiden sich für 65 km/h als strategisch richtige Geschwindigkeit.

Kurz vor zwei erreicht der deutsche Sportwagen den ersten Kontrollstopp. Vor einer dreiviertel Stunde sind die Eindhovener hier angekommen, dicht gefolgt vom Rochen aus Japan. Sophie, gestern noch am Bremstest gescheitert, kommt tatsächlich auch noch etwas früher als die Bochumer an. Wegen technischer Probleme bleiben sie aber länger als die Deutschen am Stopp und kurz nach Start müssen sie erneut am Straßenrand halten.

Am Steuer für die zweite Etappe sitzt Sylvia Illberger, chauffieren lässt sich der Rennfaher von gestern, Raphael Schniewind. Am Ende des Tages schafft es Sophie doch wieder, am ThyssenKrupp SunRiser vorbeizuziehen. Platz 4 in der Cruiser-Klasse lautet das Tagesergebnis. Noch gut 2.500 Kilometer, um das aufzuholen.


19. Oktober 2015: Fast tausend

Vielstimmiges Vogelgezwitscher weckt die Reisenden in Sachen solarer Mobilität. Noch bevor die Sonne über den Horizont steigt, herrscht reges Treiben im Lager. Das Küchen-Team serviert ein Frühstück mit Variationen von Cerealien und beginnt damit, über 100 Stullen zu schmieren. Die Truppe will auch während der Fahrt versorgt sein. Das Ladeteam bringt den Sonnenwagen in Position, der gestrigen Haltepunkt liegt gut 100 Meter vom Schlafplatz entfernt. Man hatte die Regeln bis zur letzten Minute ausgereizt und war erst um 17:10 Uhr stehen geblieben. Abfahren darf man heute also erst um 8:10 Uhr. 5 Kilometer weiter in Richtung Adelaide haben 3 Teams bei Larrimah übernachtet, unter anderem Sophie und die Iraner. Wenn die Iraner nicht getrailert haben, wäre  das Bochumer Team auf Platz 5 abgerutscht. Eindhoven trifft der Berichterstatter als nächstes auf seiner Voraustour. Der japanische Rochen hat also überholt und fährt damit an die Spitze.

In Dunmarra, am nächsten Kontrollstopp, wird die Situation klarer. Die Iraner und Sophie haben getrailert und fallen damit in der Wertung zurück hinter alle Sonnenwagen, die nur mit eigener Energie unterwegs sind. Die Japaner aus Kogakuin haben schon eine halbe Stunde Abstand zu Eindhoven, 87 Minuten später folgen die Deutschen auf die Holländer. Kurz bevor der SunRiser Dunmarra verlässt, rollt das Solarcar aus Minesota auf das Roadhouse zu, das als Anlaufpunkt dient.

Schon gestern endgültig ausgeschieden ist das schwarze Solarauto im Carbvon-Finish aus Singapur. 60 Kilometer hinter Darwin fing der Wagen vermutlich durch die Batterien Feuer. Der Brand konnte schnell gelöscht werden, der Fahrer blieb unverletzt. Die Überreste der Karosse finden ihren Weg auf dem Trailer nach Adelaide.

In der Tischtennisplattenklasse liefern sich Delft, Twente, Michigan und das belgische Team ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Nur wenige Minuten trennen die Teams. Die ersten Zeitstrafen wegen risikoreichen Fahrens von Begleitfahrzeugen wurden auch schon verteilt. Die Japaner von der Tokai-Uni und auch die Belgier sind in dieser Hinsicht unangenehm aufgefallen.

Der Nachmittag verläuft für die Bochumer nahezu langweilig. Mit 65 km/h rollt der Tross Tennant Creek entgegen, das man gegen 16:30 Uhr erreichen will, um die energiereiche Nachmittagssonne zum Laden zu nutzen und morgen gleich um 8 wieder auf die Strecke zu dürfen.

Ein bisschen Abwechslung kommt dann doch ins Spiel als von hinten zwei überbreite Schwertransporter aufschließen, die die ganze Breite beider Fahrbahnen einnehmen. Zwei riesige Muldenkipper, wenn auch ohne Räder auf Tiefladern unterwegs, werden wohl zur nächsten Mine verfrachtet. Für die Karawane aus Bochum kommt über Funk die Aufforderung, von der Straße zu fahren. Es findet sich zum Glück eine halbwegs brauchbare Stelle.

Noch 100 Kilometer bis Tennant Creek, die Zeitrechnung der Strategen scheint aufzugehen, fast 1.000 Kilometer der Gesamtstrecke sind geschafft. Heute kehrt wieder etwas Luxus in das Zeltlagerleben zurück, denn übernachtet wird auf einem Campingplatz mit Pool.

ThyssenKrupp SunRiser - Runday One

20. Oktober 2015: Vorbei an den Murmeln des Teufels

Nach der Nacht, die wegen Horden von bellenden Hunden weniger geruhsam war als erhofft, geht alles seinen inzwischen gewohnten Gang. Der SunRiser wird zum Laden vorbereitet, die Küchenmannschaft  sorgt für Frühstück und Wegzehrung. 100 Kilometer nach dem Start passiert der Tross eine der wenigen spektakulären Landmarken, die an der Strecke liegen. Devils Marbles – so werden sie von den Weißen genannt. Für die Ureinwohner stellen sie die Eier der Regenbogenschlange aus der Traumzeit dar, die in der Mythologie der Aborigines eine große Bedeutung haben.

Weiter geht es mit 65 km/h Richtung Barrow Creek. Hier findet sich neben einem Museum in einer alten Telegraphenstation auch ein Roadhouse. Der Kontrollstopp war viele Jahre nicht mehr hier, weil ein Buschfeuer hier gewütet hatte. Bei näherer Betrachtung der Infrastruktur mag der Veranstalter aber auch noch andere Gründe gehabt haben, hier nicht mehr anzuhalten. Genau eine Zapfsäule funktioniert noch, man muss sich aber die getankten Liter merken und an der Kasse zur Abrechnung ansagen.

Über allen Einrichtungsgegenständen liegt die rostrote Patina des Outback. Fachkräfte für Oberflächenhygiene scheinen diesen Ort zu meiden, vor allem die Toiletten bieten ein Bild des Jammers. Ein Kontrollstopp dauert zum Glück nur eine halbe Stunde.

Eindhoven fuhr hier gestern vor. Die beiden führenden Teams haben schon mehr als 3 Stunden Vorsprung. Als die Bochumer die gastliche Stätte um kurz nach 12 Uhr verlassen, kommt Minesota an. Weil sie noch nicht getrailert haben, ein ernstzunehmender Konkurrent für die ersten drei Plätze.

Gegen 13:30 Uhr plötzlich Aussetzer in der Telemetrie. Ohne die Datenübertragung kann die Mannschaft im Begleitfahrzeug nicht mehr erkennen, ob alle Systeme im SunRiser einwandfrei funktionieren und wie die Energiebilanz aussieht. Also Stopp bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit und runter vom Highway in den roten Staub des Straßengrabens. Haltestelle absichern, Solararray anheben, Telemetriemodul zurücksetzen, alles wieder zusammenbauen und schon geht es wieder auf den Asphalt. Die Aktion hat keine 5 Minuten gedauert. Der Datenfunk läuft wieder.

In Richtung Alice Springs tauchen dichtere Wolken am Himmel auf, erste Schatten fallen auf die Straße. Die Batterie soll bis zum Ort unbedingt leer werden, aber bitte nicht vorher. Die Entscheidung für die passende Geschwindigkeit fällt verbrauchsorientiert und muss wegen sich ständig ändernder Strahlungsverhältnisse mehrfach nach oben und unten korrigiert werden. Um Punkt 16 Uhr steht der ThyssenKrupp SunRiser auf dem Haltepunkt an einem Sportplatz mitten in der Stadt. Die  Hälfte ist geschafft. Morgen gehen alle Cruiser-Teams ab 8 Uhr wieder gemeinsam an den Start.

Übernachtet wird heute in der Turnhalle einer Schule. Das kommt günstiger als ein Campingplatz und vollladen kann man die Batterien des SunRiser hier auch.

ThyssenKrupp SunRiser - Runday One

21. Oktober 2015: Im Süden angekommen

Neutralisierter Start des Feldes in Alice Springs um 8 Uhr am Morgen. Hintereinander aufgereiht stehen die Cruiser, acht an der Zahl, die noch einmal ins Rennen gehen wollen. Manche davon haben getrailert, fallen damit also hinter die Teams zurück, die ihren Wagen noch nicht auf dem Hänger hatten. Unklar ist die Lage für Minesota aus den USA und Sunswift aus Sydney, die gestern deutlich nach 17 Uhr am Kontrollstopp gehalten haben.

Der Veranstalter hat zwei Trampeltiere zum Start angeheuert, um die Szene optisch anzureichern. Die Vorfahren dieser Tiere wurden von den Erbauern der Eisenbahn, die von Adelaide nach Darwin führt, importiert und als geländegängiges Transportmittel eingesetzt. Die wilden Nachfahren vermehren sich in Australien sehr erfolgreich.

Mit zwei Personen  an Bord gehen die Bochumer mit Tempo 75 auf die Piste. Schon kurz nach der Ortsausfahrt läuft der Konvoi auf Team Eindhoven auf. Zunächst stört ein großes Wohnmobil des holländischen Konkurrenten das Fortkommen. Offensichtlich ist der Funk nicht eingeschaltet und die Rückspiegel verstellt, daher macht man die Straße nicht frei. Endlich ergibt sich einen Chance für einen stressfreien Überholvorgang und prompt kommt über Funk auf Deutsch die Entschuldigung vom Eindhovener Team für die Behinderung.

Bis der Solar-Bus hinter dem SunRiser liegt, vergeht eine weitere halbe Stunde. Immer wieder kommt Gegenverkehr und von hinten schießen schnelle Geländewagen  heran, die die 130 km/h, die man hier maximal fahren darf, voll ausreizen.

Die Abzweigung zum Uluru, dem weltbekannte Berg in der Mitte Australiens, bleibt rechts liegen. Kulgera heißt das nächste Ziel. Die Geschwindigkeit wird auf 65 km/h reduziert. Prompt schließen die Eindhovener wieder auf und überholen.

In Kulgera zeigt die Ergebnistafel, dass die Japaner schon nach den jetzt gefahrenen 270 Kilometern über 30 Minuten Vorsprung herausgefahren haben. Die Holländer sind 5 Minuten früher als die Deutschen hier gewesen. Von weiteren Verfolgern  fehlt jede Spur.

Nach dem Stopp geht es mit 65 km/h weiter. Strategisch kalkuliert werden muss die ganze restlich Strecke, denn die Batterie darf erst in Adelaide völlig leer sein. Um genau rechnen zu können, müsste man jetzt schon wissen, wie das Wetter am Freitag wird. Oft gab es bei den letzten Rennen südlich von Coober Pedy Regen oder mindestens starke Bewölkung. Wenn dann die Batterie vorher zu stark leer gefahren worden ist, kann der Weg bis Adelaide sehr lange dauern.

Die Regeln schreiben vor, dass man spätestens bis Samstag 11 Uhr auf dem Victoria-Platz in der Stadt angekommen sein muss. Geplant haben die Bochumer Freitag 17 Uhr. Bei der derzeitigen Tagesetappenlänge von gut 500 Kilometern könnte das klappen.

Um kurz nach fünf im Nirgendwo vor Coober Pedy hält der SunRiser an. Süd-Australien ist erreicht. Am Straßenrand findet sich ein Schotterlagerplatz, der genug Raum für Zelte und Fahrzeuge bietet. Solarcar laden und Essen fassen – so lautet das Abendprogramm. Danach wird großes Kino am Sternenhimmel gegeben, denn der Himmel bleibt klar.

ThyssenKrupp SunRiser - Runday three

22. Oktober 2015: Salziger See

Wenn man den ganzen Tag im Auto sitzt, braucht man am Abend etwas Ausgleichssport. Für die Bochumer Solarcar-Fahrer ist das Golf. Ein paar unterschiedliche Eisen haben den Weg ins Gepäck gefunden und so wird vor dem Schlafen gehen noch am Handicap gearbeitet, Abschlag üben im Outback. Die Bälle danach wieder zu finden, kann allerdings aufwendig werden.

Der Sonnenuntergang könnte schöner nicht sein, die Schotterhügel dienen als Tribüne für dieses Naturschauspiel. Das versprochene Kinoprogramm am Sternenzelt wird durch den Halbmond gestört. Engagierte Sternengucker stellen sich den Wecker auf 1:30 Uhr in der Nacht, um die Milchstraße zu sehen.

Genauso spektakulär wie er untergangen ist, kommt der Energielieferant für die World Solar Challenge am gegenüberliegenden Horizont wieder zum Vorschein. Eine glutrote Scheibe schickt ihre Strahlen auf das schon bereitstehende Solar-Array und erzeugt die ersten Wattminuten Energie des Tages.

Heute geht es vorbei an der Opalfeldern von Coober Pedy. Minen mit rosafarbenen Kegeln aus Abraum säumen den Straßenrand. Schilder warnen vor Löchern im Boden, die nicht abgesichert sind.

Bei der morgendlichen Vorrausfahrt des Reporters finden sich am Straßenrand Eindhoven und Kogakuin nur wenige 100 Meter voneinander entfernt, aber über 100 km vor den Bochumern kurz vor dem 8-Uhr-Start. Der Abstand dieser beiden Teams untereinander schmilzt also zusammen. Es war schon mehrfach beobachtet worden, dass der japanische Rochen bei Geschwindigkeiten jenseits der 75 km/h nur mit Mühe innerhalb einer Fahrspur zu halten war. Nach Aussagen eines Eindhovener Teammitgliedes gab es von der Seite eines Offiziellen die Aufforderung, deswegen langsamer zu fahren. Möglicherweise ist das der Grund, warum die Holländer aufgeholt haben.

Der ThyssenKrupp SunRiser startet von Coober Pedy mit reiner Frauenbesetzung Richtung Glendambo. Am Steuer sitzt Sylvia Illberger, Co-Pilotin ist Julia Rose. 60 km/h werden am Tempomaten eingestellt. Die Opalabraumhalden verschwinden vom Horizont, eine endlose Steppenlandschaft breitet sich aus. Eine Gruppe Emus bildet die einzige Abwechselung über Stunden.

Glendambo wird erreicht. In Adelaide wurde während dessen die Challenger-Klasse entschieden. Alter und neuer Weltmeister ist das Nuon-Team aus Delft/Holland. Auf Platz zwei  mit wenigen Minuten Abstand ein weiteres niederländisches Team aus Twente. Mancher Holländer würde sich wünschen, man wäre im Fußball ähnlich erfolgreich wie im Solar-Rennsport.

Eine halbe Stunde vor dem Tagesfahrende muss der SunRiser links ran, die Telemetrie setzt wieder aus. Ein Rastplatz am Lake Hart, einem riesigen Salzsee, bietet eine perfekte Haltemöglichkeit. Die Prozedur ist geübt, daher geht es nach wenigen Minuten weiter.

Das Support-Team wird mit genauer Kilometerangabe losgeschickt, einen Lagerplatz für die Nacht zu finden. Noch knapp 500 Kilometer bis Adelaide, bisher auf Platz 3 in der Zeitwertung.  Ob es für mehr reicht, wird man erst am Sonntag wissen, wenn die Wertung für die Praktikabilitätsprüfung vom Samstag bekannt gegeben wird.

ThyssenKrupp SunRiser - Runday Four

23. Oktober 2015: Über den Strich

Letzter Fahrtag der World Solar Challenge, Ausgabe 2015, so lautet zumindest die Planung der Deutschen. Alle wollen heute in Adelaide ankommen. Die Strategie hat gerechnet, dass das auch so gerade klappen könnte. Bis Port Augusta noch weite Landschaft. Immer wieder tauchen Tiere am Straßenrand auf. Freilaufende Schafe, aber auch wieder Emus zwingen zu erhöhter Aufmerksamkeit.

Ab dem letzten Kontrollstopp wird der Verkehr sehr viel dichter. Solarcar-Teams aus der Challenger-Klasse fahren mit knapp über 60, überholen wäre eigentlich angezeigt. Aber der Autostrom lässt das nicht zu. Um das Ganze noch aufregender zu machen, kommen von hinten immer wieder Roadtrains, die selbst bei kleinen Lücken zum Überholen ansetzen.

Die Minuten fließen mindestens so zäh wie der Verkehr dahin, unter 50km/h sackt die Geschwindigkeit. Immer mal wieder wird der Highway dreispurig, dann beginnt das große Überholen. So kommt der SunRiser auch endlich an Cambridge vorbei, das noch einmal auf die Straße gegangen ist.

Noch 70 Kilometer bis zu Timing Line, noch über zwei Stunden Zeit. Das sollte reichen. Sunswift aus Sydney fährt laut Trackerkarte der WSC auf 70 Kilometer heran. Platz 1 und 2 für die schnellste 3.000 Kilometer sind inzwischen schon vergeben. Kogakuin ist vor Eindhoven durch das Ziel gegangen.

Was das für die finale Podestvergabe am Sonntag bei der Awards Night bedeutet, kann heute noch nicht endgültig beurteilt werden. Die Holländer und Japaner haben gegenüber den Deutschen mit mehr als 3 Stunden Vorsprung im Rennen gewonnen. Die Formel, die über die Rangfolge entscheidet, gewichtet die Geschwindigkeit wesentlich stärker als die Praktikabilität. In Sachen praktischer Nutzung wird der japanische Rochen mutmaßlich schlecht abschneiden. Stella Lux zeigt als flotter Solar-Bus ein sehr alltagstaugliches Fahrzeugkonzept und damit müsste es für das Team erneut für den Weltmeistertitel reichen.

Bronze für Deutschland scheint sicher, Japan wird vermutlich auf Platz 2 landen, weil sie so viel schneller unterwegs waren. Gewissheit gibt es aber erst am Sonntag, wenn die Experten-Jury des Veranstalters getagt hat.

Hektische Ansage über Funk: „ Wir müssen sofort anhalten! Die Batteriespannung ist eingebrochen.“ Es gibt auf der Schnellstraße mit jeweils 2 Spuren keine geeignete Haltebucht, also geht es in den Grasstreifen. Nur noch 50 Kilometer bis zum Zielstrich und jetzt dieser Einbruch. Die Batterie darf auf keinen Fall zu tief entladen werden, sonst wird sie unwiederbringlich zerstört. Also hilft jetzt nur noch laden. Das bedeutet Panel ausrichten und die Sonne arbeiten lassen. Eine halbe Stunde laden  soll für die letzten 50 Kilometer reichen.

Mit 50 km/h geht es zurück auf die Strecke, noch eine Stunde Zeit. Die Hände werden feucht. Reicht die Nachladung oder ist vielleicht etwas an der Batterie defekt? Noch 5 Kilometer bis zum erlösenden Strich. 17 Uhr, in 10 Minuten muss der SunRiser da sein, sonst gibt es Strafminuten. Ein Berg lässt die Batteriespannung bedrohlich sinken. Eine neue  Schwierigkeit: Wo ist der Strich, über den man fahren muss? Selbst der Observer weiß es nicht genau. Die Linie in der Parkbucht von früher gibt es offensichtlich nicht mehr. Ein Werbeturm am Rand der Straße wird vom Observer als Ziel erkannt. Jubel bricht aus, es ist geschafft. Mit letzter Kraft und leerem Energiespeicher biegt der SunRiser in eine Seitenstraße und hält in der Abendsonne. 3.000 Kilometer sind geschafft, morgen früh geht es auf den Victoria-Platz mitten in der Stadt zum Feiern.

ThyssenKrupp SunRiser - Runday Five

24. Oktober 2015: Ankommen ist alles

Eigentlich war gestern als letzter Fahrtag eingeplant gewesen. Doch da die Energie nur bis zur Timing Line gereicht hat, muss heute das letzte Stück bis zum Victoria-Platz zurückgelegt werden. Nur dann gilt laut Reglement die Strecke von Darwin nach Adelaide als vollständig zurückgelegt. Neu in den Regeln ist außerdem, dass das Überfahren der Timing Line nicht vor Überholen schützt. Wenn man nach dem Zeitstrich nicht mehr weiter kommt und ein anderes Team fährt vorbei, bekommt man dessen Zeit auf der Ziel-Linie am Victoria-Platz plus eine Minute und fällt so im Fahr-Klassement um einen Platz zurück.

Das Pech verfolgt die Bochumer auf den letzten Kilometern. Gerade heute Morgen, wenn man die Sonne am dringendsten zum Wiederaufladen gebraucht hätte, versteckt sie sich hinter dicken Wolken.  Man kann nur warten und hoffen. SunSwift aus Sydney hat mit der Energie offensichtlich besser gehaushaltet und zieht vorbei.

Am Ziel steht der Autor dieser Zeilen und muss lange zurückdenken, wann er zum letzten Mal bei der World Solar Challenge so nervös war. Mutmaßlich beim Zieleinlauf 2003, als die Deutschen zum ersten Mal mit HansGo! dabei waren und der Zieleinlauf ein Duell mit dem Principia-Team aus den USA war. Platz 5 damals übrigens.

Die Hände werden feucht. Ein Anruf bestätigt: Der Wagen steht immer noch und lädt. 11 Uhr ist vorbei. Der ThyssenKrupp SunRiser ist auf dem Weg. 30 km/h sind mit der Minimalladung noch so eben möglich. Bis 12 Uhr darf man im Stadtverkehr noch fahren. Dann muss getrailert werden. Die Spannung steigt, leider nicht im Solarcar. Immerhin steht der deutsche Sonnenwagen jetzt schon mal am Sammelplatz unterhalb des Ziels. Aber die Straße zum Victoria-Platz steigt noch einmal richtig steil an. Erlösung! Die silberne Schnauze mit den eleganten Scheinwerferaugen taucht im Verkehrsstrom auf und fährt auf den Platz. Der Jubel wird laut. Viele andere Teams stehen Spalier und begrüßen die Deutschen, die offensichtlich sehr beliebt sind und das nicht nur wegen des schönsten Solarcars im Feld. Sogar zum Burnout vor der eigentlichen Zieldurchfahrt reicht es noch. Der Geruch von verbranntem Gummi zieht über die Menge. Manche befürchten einen Brand. Man kann beruhigen. Das gehört zu den deutschen Traditionen bei diesem Wettbewerb genauso wie der Freudentanz rund um den Sonnwagen und natürlich der Sprung in den Brunnen auf dem Platz. Die Wackelente im Cockpit hat viele kleine Kinder bekommen, die jetzt mit ins Wasser dürfen.

Viel Zeit bleibt nicht für die ersten Feierlichkeiten. Um 14 Uhr beginnt die Praktikabilitätsprüfung. Toni Bauer und Max Ringel sind perfekt vorbereitet und erklären den drei Juroren mit viel Charme und Eloquenz die Vorzüge des Sportcoupés aus Deutschland. Einer der Herren ist bei einem bekannten amerikanischen Elektroautomobilbauer beschäftigt und nimmt daher sehr sachkundig die Bedienelemente des SunRisers unter die Lupe. Ob denn die Türöffner-Warnung tatsächlich funktioniert? Na klar! Türen zu, Warnlampe aus. Selbstverständlich hat so ein modernes Auto auch eine funkgesteuerte Zentralverriegelung. An den Gesichtszügen des Tesla-Manns kann man schnell erkennen, welche Faszination der ThyssenKrupp SunRiser selbst für diesen Profi ausstrahlt, der sicher schon das ein oder andere Elektromobil gesehen hat. Der Leiter der Prüfungskommission drängt zum Aufbruch. Eigentlich hätte sich die Jury viel lieber noch länger mit den vielen Details auseinandergesetzt, die dieses Musterbeispiel deutscher Ingenieurkunst zu bieten hat.

Es folgt als nächstes eine ganz spezielle Anfahrübung am Berg. Das Solarcar steht auf einer langen Rampe, hinter das Hinterrad wird ein rohes Ei gelegt. Jetzt gilt es loszufahren, ohne zurück zu rollen und dabei wohlmöglich das Ei zu zerstören. Kein Problem für Raphael Schniewind, der auch die Übung zum Rückwärtseinparken souverän absolviert. Wenden in mehreren Zügen soll jetzt vorgeführt werden. Auf dem vorgesehenen Platz muss der Rückwärtsgang dafür nicht bemüht werden. In einem Zug gelingt die 180-Grad-Drehung!

An der letzten Station wird der Gepäckraum überprüft. Mehrere Koffer, Einkaufstaschen, aber auch Trinkflaschen, eine Sonnenbrille, Sonnenhut, Block und Stift müssen sinnvoll verstaut werden. Beim holländischen Stella Lux könnte noch ungefähr doppelt so viel verladen werden, aber auch der SunRiser fasst die vorgeschriebene Gepäckmenge, auch wenn zwei Koffer auf dem Beifahrersitz festgeschnallt werden. Aber mal ehrlich: Wer nimmt denn Familiengepäck in einem Sportwagen mit? Für die Golfschläger und das Handgepäck für zwei Personen reicht der vordere Kofferraum allemal aus.

So endet die Praktikabilitätsprüfung. Wie die Deutschen abgeschnitten haben, wird erst morgen am Abend bekannt gegeben. Reicht es trotz des Überholers vom Morgen noch für Platz 3? Eines darf man am Ende dieses Tages sicher konstatieren, wenn man alle Zuschauerstimmen und Meinungen aus anderen Solarcar-Teams zusammenfasst: Das schönste Solarcar der Welt kommt wieder mal aus Bochum!

ThyssenKrupp SunRiser - #itsdone

25. Oktober 2015: Empfehlung für den SunRiser

Letzter Auftritt für den ThyssenKrupp SunRiser in Australien: Zum Abschluss der Ausstellung der Solarcars am Victoria Square sammeln sich alle Sonnenwagen zur Parade auf der Straße quer durch Adelaide. Ein Korso von über 40 Musterbeispielen effizienter Elektromobilität rollt durch die Innenstadt der südaustralischen Metropole. Der deutsche Wagen sticht hervor, weil er so gut in das Straßenbild passt, ein normaler, zudem sehr schicker Sportwagen!

Am Abend geht es für alle Teams zur Awards Night. Hier werden alle Preise verliehen. Insbesondere in der Cruiser-Klasse wartet man mit Spannung auf das Gesamtergebnis. Der alte ist der neue Weltmeister. Eindhoven holte zum zweiten Mal den Titel in der Cruiser-Klasse. Die Empfehlung der Jury für die Praktikabilität geht an das deutsche Team. Wie schon vor zwei Jahren geht dieser Preis an die Bochumer. Max Ehl springt auf die Bühne und nimmt die Auszeichnung entgegen.

Der erhoffte Weltmeistertitel ist es nicht geworden, ein großer Erfolg für das Team war die diesjährige Weltmeisterschaft der Solarcars trotzdem. 3.000 nahezu störungsfrei gefahrene Kilometer, ein dritter Platz im Gesamtklassement, die Judges Commandation und die Anerkennung der weltweiten Solarcar-Gemeinde für das eleganteste Fahrzeug im gesamten Starterfeld.


Videos WSC 2015

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